Was du im Gesangsunterricht lernst – Teil 2: Songarbeit

Gesangsunterricht nehmen ist nicht schwierig. Aber zu erklären, was du dort lernst, ist manchmal knifflig. In dieser zweiteiligen Serie zeige ich dir, aus welchen Elementen Gesangsunterricht besteht und warum sie wichtig sind. Heute: Songarbeit.

 

Den ersten Teil der Serie findest du hier: Teil 1 Gesangstechnik.

 

Was ist Songarbeit?

Songarbeit ist genau das, was im Wort steckt: die Arbeit am Song.

Es gibt Sänger, die intuitiv alles richtig machen. Sie nehmen sich einen Song vor oder schreiben ihn selbst und am Ende steht ein emotionaler Song, mit dem sich das Publikum identifizieren kann und der sie bewegt.

Wer das nicht auf Anhieb kann und sich fragt, wie er spannender klingen kann, wie der Zuhörer mehr mitgerissen werden kann, wie mehr Emotionen fließen können, für den ist Songarbeit ein wertvoller Baustein. Wenn du noch nicht weißt, wie du dir einen Song erschließt, heißt das nicht, dass du kein Talent zum Singen hast. Denn die anscheinende Begabung des intuitiven Sängers ist in Wahrheit trainierbar.

 

Was lernst du in der Songarbeit?

Songarbeit lässt sich in verschiedene Elemente unterteilen. Nicht alle davon wirst du für deinen Weg als Sänger brauchen. Sie können dir aber helfen, deinen Weg zu finden, wenn du ihn noch suchst.

 

Musikalische Einstudierung

Am Anfang steht das Lernen der musikalischen Bausteine des Songs: Melodie, Rhythmus, Text. Dafür gibt es effizientere Methoden als „immer wieder vorne anfangen“.

In der Einstudierung wendest du die Gesangstechnik an, die ich in Teil 1 dieser Artikelserie beschrieben habe. Wann setzt du deine Stimme wie ein? Wo atmest du? Wo braucht die Melodie mehr Legato, der Rhythmus mehr Staccato, der Text eine deutlichere Aussprache?

 

Stilistik der Songs

Einen Popsong erkennst du auf Anhieb. Einen Rocksong auch, und er klingt ganz anders. Jedes Genre hat seine eigenen Erkennungsmerkmale, die du herausarbeiten solltest. Wer sie kennt, covert auch ganz leicht Songs in einem ganz anderen Stil als das Original – wie der Artikel „Nothing Else Matters – 5 herausragende Cover unter der Lupe“ zeigt.

 

Auswahl der Songs

Eine immer wiederkehrende Frage unter meinen Schülern ist: Was sing ich denn als nächstes? Die Auswahl ist manchmal gar nicht so leicht. Es kommen ständig neue Songs dazu.

Ein guter Trick, wie du selbst immer Ideen für neue Songs hast, ist die Wunschliste. Im Artikel „Wie du besseren Gesangsunterricht haben wirst“ habe ich sie bereits angesprochen.

Der Gesangslehrer kann dir wertvolle Tipps geben, welche Songs für dich und deine momentanen Fähigkeiten geeignet sind und warum dieser oder jener Song noch etwas zu schwer ist. Er will damit verhindern, dass du dich selbst überforderst, deiner Stimme schadest oder frustriert wirst.

 

Auswendig lernen

Nicht jeder Sänger kann Texte problemlos auswendig lernen. Ist auch nicht schlimm, denn du kannst es dir antrainieren.

 

Interpretation

Ein wichtiger Baustein in der Songarbeit ist die Interpretation, das Sich-Zueigen-Machen eines Songs. Dann wird aus einer beliebigen Liebesgeschichte die Love Story von dir und deinem Partner. Oder der Protestsong aus den 70ern bekommt durch dich eine neue Bedeutung für das Jahr 2017, weil sich anscheinend nichts geändert hat. Oder du hebst in einem schon zigmal gehörten Spiritual die ganz persönliche Tragik eines Sklaven heraus.

In der Popularmusik werden Geschichten erzählt. Das wichtigste Stilmittel dazu ist der Text. Der erste Schritt zu einer Interpretation ist es, den Text zu verstehen. Um eine Übersetzung kommst du nicht herum, auch wenn es erstmal mühsam ist. Es wird leichter, je häufiger du es tust.

Die Arbeit an der Interpretation ermöglicht dir, eine Geschichte zu einer persönlichen Botschaft zu machen. Das ist es schließlich, was das Publikum fasziniert. Das wichtigste Element in der Interpretation bist jedoch du. Du, der sich Gedanken macht; der Dinge von verschiedenen Seiten aus betrachtet, bis er eine findet, die in die Story des Songs passt; der in der Entstehungsgeschichte nach Anhaltspunkten sucht; der sich über den Künstler, das Musical, den Film schlau macht; der Emotionen zulässt und mit der Stimme ausdrückt.

 

Gestaltung

Interpretation ist die notwendige Basis für Gestaltung. In der Interpretation machst du dir Gedanken und entwirfst ein grobes Konzept vom Verlauf des Songs. In der Gestaltung setzt du es um. Lautstärke, Artikulation und Stimmeffekte sind deine wichtigsten Mittel, um den Song zum Leben zu erwecken.

Bei Songs, die Teil eines Musicals oder Films sind, kann noch die szenische Umsetzung dazu kommen. Dann gestaltest du mit deinem ganzen Körper.

 

Umgang mit Equipment

Das wichtigste Equipment für Sänger ist das Mikrofon. Wenn du noch keine Berührungspunkte damit hattest, ist der Gesangsunterricht der richtige Ort zum Ausprobieren und Vertrautwerden.

Auch Monitoring und ein grundlegendes Verständnis für die P.A. (Beschallungsanlage) und wie du gleichzeitig singen und ein Instrument spielen kannst, kann Teil des Gesangsunterrichts sein.

 

Bühnenpräsenz

Deine Präsenz auf der Bühne ist keinesfalls Glückssache. Wenn du schüchtern bist, kannst du lernen, wie du im Auftritt selbstsicher bist. Du lernst, wie du dein Lampenfieber behandelst und die Do’s und Don’t’s auf der Bühne.

 

Aufbau eines festen Repertoires

Durch die Songarbeit lernst du eine ganze Menge Songs. Dabei kristallisieren sich oft Favoriten heraus. Diese sind die Basis deines Repertoire – der Songs, mit denen du jederzeit auftreten kannst. Ein festes Repertoire ist besonders für Sänger mit vielen Auftritten praktisch. Dann hast du mit deinen 10, 15, 20 Songs eine Grundlage, die du nach Bedarf mit aktuellen Songs zu einem Programm vervollständigst.

Wenn du deine Songs selbst schreibst, sind alle bisherigen Songs, die du aufgeführt hast, aufgenommen hast und magst, dein Repertoire.

 

Musikalische Auffrischung

Von Zeit zu Zeit macht es Sinn, alte Songs wieder hervorzukramen. Wenn sich deine Gesangstechnik verbessert hat. Wenn du dich auf einen Auftritt oder eine Audition vorbereitest. Wenn du dir ein festes Repertoire aufbaust.

Dann setzt du neue Gewohnheiten in bereits trainierten Songs um. Weil dabei das Einstudieren wegfällt, sparst du Zeit und kannst das neu Gelernte gleich anwenden.

 

Musiktheorie

Das ist ein Punkt, bei dem sich Gesangslehrer uneinig sind. Der eine Vocal Coach besteht darauf, dass du Musiktheorie und Noten lesen kannst. Der nächste verzichtet darauf.

Wenn du ausschließlich Songs coverst, musst du von Musiktheorie, Notenlesen, Harmonielehre keine Ahnung haben. Wenn du aber selbst Songs schreibst, kann dir Musiktheorie echt viel helfen.

Dann weißt du, welche Akkordfolgen gut klingen und auch warum. Warum du an der einen Stelle immer falsch zur Begleitung singst, obwohl es a-capella fehlerfrei klappt. Dann kannst du Leadsheets für deine Bandkollegen erstellen.

Auch im Chor sind grundlegende Notenlesefähigkeiten vorteilhaft. Dann kannst du deine Melodie nachvollziehen. Dann erkennst du, wo sich Stimmen dissonant anhören und warum alle trotz des schrägen Klangs richtig singen.

 

Wie weit muss die Ausbildung in der Musiktheorie gehen? So weit, wie du es brauchst. Noten auf Anhieb in allen 8 Oktavlagen benennen können? Muss nicht sein. Eine fundamentale Vorstellung, warum im Violinschlüssel das G auf der 2. Linie von unten und das hohe C im 2. Zwischenraum von unten steht? Schon eher.

Dass manche Abstände zwischen Tönen Halbtonschritte sind und manche Ganztonschritte, obwohl beide Abstände in den Noten gleich aussehen? Wie eine Durtonleiter aufgebaut ist und was in einer Molltonleiter anders ist? Was ein Akkord und eine Tonleiter gemeinsam haben? Jepp.

Was ein Quintenzirkel ist? Nur, wenn du eigene Songs komponierst oder Songs auch ohne fremde Hilfe transponieren können willst.

Wie du eine Orchesterpartitur liest und was ein Bratschenschlüssel ist? Nöö.

Du siehst, Musiktheorie kann hilfreich sein. Wie tief du eintauchst, hängt davon ab, was du als Sänger und Musiker brauchst.

 

Warum ist Songarbeit wichtig?

Das große Ziel der Songarbeit ist es, dich zu einem Musiker auszubilden. Weg vom Sänger, der sich kaum ans Mikrofon traut. Hin zu einem, der sicher seinen Weg geht. Der weiß, was er tut.

Songarbeit erweitert deinen Horizont. Du erkennst deine Stärken. Du lernst deine Defizite kennen und wie du sie beheben oder zu deinem Vorteil nutzen kannst.

Du lernst neue Stile kennen. Du probierst dich aus. Du schärfst deine Skills. Dann kannst du dich authentisch ausdrücken.

 

Fazit

Songarbeit ist eine wichtige Säule im Gesangsunterricht. Sie gibt dir die Kontrolle über deine künstlerische Aussage.

Hier findest du Teil 1 der Artikelserie „Was du im Gesangsunterricht lernst“. Darin beleuchte ich die Gesangstechnik, die dir die Kontrolle über deine Stimme gibt.

 


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