Hörbares Atmen als Gestaltungsmittel
Ich habe hier schon vieles über die Gestaltung von Songs geschrieben. Dabei bin ich immer bei Melodien, Rhythmen und Takten geblieben. Heute soll es jedoch darum gehen, einen Song mit einem konkreten Geräusch zu gestalten: dem hörbaren Atmen.
Beim Singen erfüllt dein Ein- und Ausatmen drei Aufgaben, von denen dir die ersten zwei vermutlich direkt einfallen.
Zuerst einmal ist Atmen pure Lebenserhaltung. Du musst atmen, um Sauerstoff in den Körper zu transportieren und Kohlenstoffdioxid heraus, damit dein Körper am Leben bleibt. So weit, so grundlegend biologisch.
Dann wäre ohne die Atmung kein Singen möglich. Während wir in einer Ruhesituation, zum Beispiel auf einem Stuhl sitzend, recht lange einatmen können, aber zügig wieder ausatmen — Schwerkraft sei Dank — dreht sich der Prozess beim Singen (und Sprechen) um. In einem Song musst du in den Pausen schnell einatmen und lange ausatmen. Wenn du ausatmest, klingen deine Töne. Singen ist daher in erster Linie Ausatmen.
Die dritte Aufgabe des Atmens wird dagegen erst offensichtlich, wenn du dich mit der Gestaltung von Songs beschäftigst. Songs bestehen nicht ausschließlich aus Tönen; Pausen gehören genauso dazu. Aber auch Geräusche, zumindest in der Popmusik. Denn mit deinem Atmen kannst du Songs gestalten.
Gestaltungsmittel Atmen?
Auf den ersten Blick könnte es dir schräg vorkommen, dass deine Zuhörer dich atmen hören soll. Gute Mikrofontechnik verlangt von Popsängern, unauffällig und abseits vom Mikrofon einzuatmen. Klassische Sänger trainieren ebenfalls das geräuschlose Einatmen und Chorsänger lernen chorisches, also zeitversetztes Luftholen.
Wie soll das also gehen? Wie klingen? Und warum macht man das?
Um zu demonstrieren, wie hörbares Atmen als künstlerisches Gestaltungsmittel klingen kann, habe ich drei Songs ausgewählt. In allen wird das Atem dank Mikrofonen hörbar gemacht. Dabei unterstützen die Atemgeräusche entweder die Textaussage oder verdeutlichen, dass die Künstler gerade vom Atmen singen.
Ich habe das Einatmen mit dem Symbol (V) und das Ausatmen mit (Ʌ) gekennzeichnet. (V), weil das traditionelle Atemzeichen, das Sänger und Bläser in ihre Noten schreiben — das ‘ — schnell übersehen wird. (Ʌ), weil es für das Ausatmen bisher kein Zeichen gibt.
Songbeispiel 1“Seven” vonTaylor Swift
Taylor eröffnet ihren Song mit den Worten “Please picture me…” (dt.: Bitte stell dir vor, wie ich …). Direkt nach den ersten beiden Tönen und dem Wort “please” atmet sie hörbar ein: “Please (V) picture me…”. Hier kannst du es hören: hörbares Atmen in “Seven” von Taylor Swift.
Es gibt nur einen Grund, warum die Sängerin an dieser Stelle atmet. Da der Song gerade erst angefangen hat, kann es nicht daran liegen, dass ihr die Luft nach nur zwei Tönen bereits wieder ausgegangen ist. Hier ist das Atemgeräusch eine künstlerische Entscheidung.
Was könnte dieses hörbare Einatmen ausdrücken? Ich interpretiere es als eine zögernde Bitte. Bei einer flehenden, dringlichen Bitte würden die Worte hervorsprudeln. Versuch es selbst: “Bitte hör mir doch zu!” Dagegen wirken ein kurzes Zögern und die daraus resultierende Pause nach “please” verletzlicher: “Bitte (V), hör mir doch zu.” Es passt auch zum sanften Klang, mit dem Taylor den Song singt.
Diese Wirkung würde noch verstärkt werden, wenn die Bitte am Satzende stünde. Das kennst du auch aus dem Alltag, Sprich diese beiden Sätze aus und achte auf den Unterschied, der mit oder ohne Pause (und Luftholen) entsteht: (1) “Machst du das für mich bitte?” und (2) “Machst du das für mich, (V) bitte?” Der erste Satz wird sich wahrscheinlich auch für dich fordernder angehört haben als der zweite.
Songbeispiel 2 “Radioactive” von Image Dragons
Eindrucksvoll hat Dan Reynolds von Image Dragons sein hörbares Atmen genutzt, um den Text anschaulich zu machen. Die erste Strophe endet mit den Worten “I’m breathing in the chemicals” (dt.: ich atme die Chemikalien ein). In der darauffolgenden Generalpause, in der alle Instrumente schweigen, hörst du ein lautes Einatmen und Ausatmen: “I’m breathing in the chemicals (V) (Ʌ)”. Hier kannst du es hören: hörbares Atmen in “Radioactive” von Imagine Dragons.
Die Generalpause hilft diesem Song enorm. Sie ist ein spannungsreicher Moment, in dem der Zuhörer weiß nicht, wann und wie es weitergeht. Auf manche Zuhörer kann er auch überraschend wirken. Nachdem der Song begonnen hat, erwarten sie nicht, einen Moment der absoluten Stille zu erleben. In dieser Stille sind Geräusche, wie zum Beispiel das Atmen, deutlicher hörbar.
Hier atmet der Sänger am Ende einer längeren Phrase — auch wenn die Päuschen zwischen “I sweat my rust / I’m breathing in / the chemicals” erfahrenen Sängern genug Zeit geben würden, nachzuatmen. Trotzdem ordne ich zumindest das Einatmen dem Bereich “notwendig zur Aufrechterhaltung des Lebens” zu.
Das hörbare Ausatmen hingegen ist ein bewusst gewähltes Ausdrucksmittel. Unmittelbar nach dem Einatmen ist Ausatmen unnötig, weil zu wenig Zeit vergangen ist, um den Gasaustausch in den Lungen notwendig zu machen. Es wirkt wie eine Erleichterung, ein tonloser Seufzer.
Auch die Lautstärke dieser Atemgeräusche ist bewusst gewählt. Der Sänger beweist im restlichen Song, dass er leise atmen kann bzw. dass er seine Mikrofontechnik soweit beherrscht, dass du ihn nicht atmen hörst.
Wie kannst du das hörbare Einatmen und Ausatmen also interpretieren? Der springende Punkt ist die hohe Lautstärke. Sie betont die Textaussage (”Chemikalien einatmen”) und macht dich dadurch auf den Text aufmerksam. Und sie macht erfahrbar, was passieren würde, wenn du tatsächlich Chemikalien schnüffelst: ein Hustenanfall mit häufigem, lautem Ein- und Ausatmen wäre die Folge. Das Atmen ist auch in diesem Song eine bewusste, künstlerische Entscheidung des Sängers.

Ein Ausschnitt aus den Noten zum Song „Radioactive“ von Imagine Dragons zur Verdeutlichung der Atemstellen.
Songbeispiel 3 “Glitter in the air” von P!nk
Im dritten Beispiel geschieht das hörbare Einatmen an einer kuriosen Stelle. Pink singt gegen Ende der dritten Strophe “have you ever held your breath”. Nach den Worten “have you ever” hörst du das Einatmen (V) und dann ein kurzes Stocken des Atmens (–), bevor sie die Zeile mit “held your breath” fortführt: “have you ever (V) (–) held your breath”. Hier kannst du es hören: hörbares Atmen in “Glitter in the air” von Pink.
Kurios finde ich, dass in diesem Song das Atemgeräusch in einer Generalpause vor der Textaussage kommt. Anhand der Textzeile “have you ever held your breath” (dt.: Hast du jemals deinen Atem angehalten?) würde ich erwarten, dass sie nach “breath” tatsächlich die Luft anhält und eine Generalpause diesen spannungsreichen Moment unterstützt. Die Sängerin hat es umgedreht.
Für mich klingt das nach einer Überraschung. Als wäre Pink gerade erst eingefallen, wie sie den Satz “have you ever …” beenden möchte: “… held your breath”. Das wirkt spontan und plötzlich.
Die Generalpause in der Musik muss ich mir bei dieser Interpretation allerdings zurechtbiegen. In einem Auftritt muss die Band sich gut absprechen, damit alle Musiker gleichzeitig eine Pause machen. Trotzdem ist es möglich, dass die Idee dazu während des Songwritings tatsächlich spontan kam.

Ein Ausschnitt aus den Noten zum Song „Glitter in the air“ von Pink zur Verdeutlichung der Atemstelle und der Generalpause im Klavier.
Hörbares Atmen überrascht
Im Song ist hörbares Atmen aus zwei Gründen ungewöhnlich.
Erstens nehmen Menschen das Luftholen weder in Songs noch in alltäglichen Gesprächen wahr. Mit fällt es oft negativ bei schlecht geschulten Nachrichtensprechern auf. Sie atmen oft an den blödesten Stellen, mitten im Wort oder zwei Wörter vor dem Ende eines Sinnzusammenhangs. Zum Beispiel so: “Sie atmen (V) oft an den blödesten Stellen, mitten im Wort oder zwei Wörter vor dem (V) Ende eines Sinnzusammenhangs.”
Zweitens werden Sängerinnen und Sänger hierzulande im Chor und im klassischen Gesang darauf trainiert, lautlos zu atmen. Es gilt als der Goldstandard.
In den Populären Stilen singen wir aber anderes. Hier können Atemgeräusche zur Gestaltung beitragen, wenn du sie bewusst, deutlich und selten einsetzt.
Keines der Atemgeräusche in den drei oben genannten Songs wurde zufällig verwendet. Entscheide dich also bewusst dafür.
Atemgeräusche sind tendenziell leise. Deswegen nehmen wir sie häufig nicht wahr. Manche Sänger singen auch prinzipiell hauchig, d.h. mit einer steten Geräuschkulisse. Damit hörbares Atmen im Song auffällt, solltest du es also übertreiben oder die Musik an dieser Stelle nur dezent einsetzen oder kurz zuvor verstummen lassen.
Je häufiger wir auf eine bestimmte Art singen, desto mehr gewöhnen sich die Zuhörer daran. Um zu überraschen, solltest du dieses Gestaltungsmittel selten verwendet. Hinzu kommen, dass die Zuhörer bei Atemgeräuschen deine sängerischen Fähigkeiten beurteilen werden. Atmest du zu häufig in Songs hörbar ein, könntest du außer Atem und unsportlich wirken. Zuhörer können es als störend empfinden und dir obendrein eine schlechte Gesangstechnik attestieren.
Wo führt das alles hin?
Atmen als künstlerischer Ausdruck fällt in den Bereich des Vocal Painting, das von Jim Daus Hjernøe, Professor für Chorleitung an der dänischen Royal Academy of Musik, bekannt gemacht wurde. Ebenso kann das Atmen im Soundcoloring eingesetzt werden. Diesen Begriff hat Esther Kaiser, Jazzsängerin und Professorin für Jazz/Rock/Pop-Gesang an der Hochschule für Musik “Carl Maria von Weber” Dresden, geprägt. Beide Improvisationstechniken basieren auf Klängen, nicht auf festgelegten Tonhöhen und Rhythmen. Atmen kommt darin als eigenständiges Gestaltungsmittel vor.
Hörbares Atmen ist auf jeden Fall ein subjektives Gestaltungsmittel. Wenn dir dieses Geräusch missfällt, musst du es nicht einsetzen. Aber du darfst in den Populären Stilen damit experimentieren.
Fällt dir noch ein Song ein, in dem so deutlich geatmet wird? Dann schreib es in die Kommentare.

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