Was du im Gesangsunterricht lernst – Teil 1: Gesangstechnik

Gesangsunterricht nehmen ist nicht schwierig. Aber zu erklären, was du dort lernst, ist manchmal knifflig. In dieser zweiteiligen Serie zeige ich dir, aus welchen Komponenten Gesangsunterricht besteht und warum sie wichtig sind. Heute: Gesangstechnik.

 

Den zweiten Teil der Serie findest du hier: Teil 2: Songarbeit

 

Was ist Gesangstechnik?

Gesangstechnik ist die Art, wie du deine Stimme beim Singen einsetzt.

Die Arbeit daran wird auch Stimmbildung oder Stimmtraining genannt.

Mit einer guten oder korrekten Gesangstechnik setzt du deine Stimme auf gesunde Art ein und singst auf eine Weise, die der Stilistik deines Repertoires angemessen ist. Schlechte Technik schädigt dein Instrument oder ist stilistisch falsch.

 

Was konkret die richtige Technik ist, unterscheidet sich je nach der Methode, in der du unterrichtet wirst, und dem Genre, das du singst. Die einzelnen Methoden haben unterschiedliche Ansichten und Namen für verschiedene Elemente der Gesangstechnik. Jedes Genres stellt andere Anforderungen an die Stimme.

 

Welche Gesangstechniken lernst du?

Ungeachtet der zahlreichen Methoden, die es im Populargesang gibt, können die meisten Inhalte zusammenfasst und verallgemeinert werden. Es gibt natürlich immer Inhalte, die in Methode A vermittelt werden, aber nicht in Methode B. Deshalb ist diese Liste auch nicht erschöpfend. Sie vermittelt dir aber einen Einblick.

 

Körperhaltung

Die richtige Haltung unterstützt die korrekte Atemtechnik und den Support. Sie ist die Basis deines Gesangs. Auch dein Körpergefühl verbessert sich im Gesangsunterricht.

 

Atemtechnik

Für den Gesang brauchst du eine andere Atmung als im Alltag. Dort reicht die Hochatmung aus. Im Gesang benötigst du die Zwerchfell-Flanken-Atmung, um korrekt zu supporten.

 

Support

Er unterstützt deine Stimme bei ihrer Arbeit. Er ist zwingend notwendig, wenn du gleichmäßig, laut, hoch und „schön“ singen willst. Ohne Support bleiben die Töne kraftlos und du kommst schnell aus der Puste.

 

Instrumentenkunde

Hier scheiden sich die Geister. Für die einen ist das Wissen über das Instrument Stimme ein unverrückbarer Baustein ihrer Methodik. Andere Lehrer argumentieren, dass der Schüler diese Theorie nicht braucht. Beide haben Recht.

Ein grundsätzliches Verständnis über die Anatomie und Funktionsweise der Stimme ist wichtig. Wie der Atem die Stimme generiert. Wie Vollstimme und Randstimme entstehen. Wie der Vokaltrakt den Klang beeinflusst.

Dieses Wissen hilft dir, das Warum zu verstehen. Warum du Bauchatmung lernen musst. Warum und wann du den Unterkiefer öffnen sollst. Warum du bestimmte Übungen singen sollst.

So kannst du Probleme selbst lokalisieren und dir selbstständig helfen. Du musst nicht bis zur nächsten Gesangsstunde warten, um Antworten zu finden.

 

Was ein Sänger nicht wissen muss: Den detaillierten Aufbau der Stimmfalte. In welcher Wechselbeziehung Vocalis und Cricothyreoideus stehen. Wie sich das Resonanzverhalten bei gehobenem Gaumensegel unterscheidet von dem bei flachem Gaumensegel. Auf wie viele unterschiedliche Arten der Mensch den Vokal A formen kann und wer dabei was tut.

 

Das ist der Unterschied zwischen praktischer Instrumentenkunde und dem Versuch, den Sänger wahlweise zu einem Gesangslehrer oder einem Phoniater auszubilden.

Fakt ist aber, eine Grundeinheit Instrumentenkunde bringt viel Klarheit. Jeder Instrumentalist kennt schließlich sein Instrument.

 

Stimmgebrauch

Das ist die praktische Anwendung des Instrumentenkunde-Wissens. Wenn du weißt, wie deine Stimme funktioniert, hast du mehr Kontrolle über sie. Du kannst direkt beeinflussen, welcher Sound aus deinem Mund kommt – statt auf eine höhere Gnade angewiesen zu sein.

 

Stimmeinsatz und -absatz

Das sind die Art und Weise, wie du einen Ton beginnst und endest. Stimmeinsatz und Stimmabsatz haben Auswirkungen auf deinen Klang und beeinflussen deine Stilistik.

 

Register

Noch so ein kontroverses Thema, das nicht erst seit Aufkommen des Popgesangs heiß diskutiert wird. Physiologisch sind zumindest zwei generelle Arbeitsweisen des Kehlkopfs erkennbar: eine, die die volle Schwingung der Stimmlippen ermöglicht, und eine zweite, die nur die Ränder der Stimmlippen zum Schwingen bringt. Somit gibt es mindestens zwei Register, d.h. Töne mit gleichem Klangcharakter. Die weiteren Theorien darüber unterscheiden sich je nach Methode.

Wenn es mindestens zwei Register gibt, musst du nicht nur ihren Gebrauch trainieren, sondern auch den Übergang zwischen ihnen.

 

Umfang

Jeder Sänger möchte gern höher und tiefer singen können. Durch die Arbeit an der Gesangstechnik lernst du das.

 

Intonation

Das saubere Singen von Tönen ist eine elementare Fähigkeit. Im Gesangsunterricht trainierst du das durch die Schulung des Gehörs. Außerdem lernst du die Faktoren kennen, die eine falsche Intonation begünstigen und schulst deine Aufmerksamkeit, um sie zu vermeiden.

Eine extrem saubere Intonation ist nötig, wenn du viel a cappella singst oder mit einem Loopgerät arbeitest.

 

Lautstärke

Die Lautstärke ist nicht nur eine Frage des richtigen Stils, sondern auch des gesunden Gebrauchs der Stimme.

 

Flexibilität

Eine flexible Stimme kann Verzierungen singen und schnell reagieren. Auch wenn Verzierungen in deinem bevorzugten Genre nicht vorkommen – was vollkommen in Ordnung ist – so darf die Stimme nicht starr werden. Mit einer guten Reaktionsfähigkeit kannst du spontan auf Tempoänderungen reagieren, ohne dass deine Stimme ins Trudeln gerät, und deinen Klang aktiv beeinflussen, zum Beispiel durch Staccatosingen.

 

Stimmeffekte

Stimmeffekte sind Zusätze im Klang wie zum Beispiel Hauch, Distortion, Creak, Grunt oder Vibrato. Im Gesangsunterricht lernst du, wie du sie stimmfreundlich und effektiv produzierst.

Wenn Stimmeffekte ein wichtiger Baustein deines Sängeralltags sind, sollte dein Lehrer wissen, wie man sie vermittelt. Nicht jeder Lehrer kann das, was keinesfalls ein Minuspunkt für diesen ist. So wie es gut ist, dass es Obst und Schokolade gibt, ist es auch vollkommen in Ordnung, dass es Lehrer gibt, die Stimmeffekte lehren und Lehrer, die das nicht wollen.

 

Resonanz

Ein Mikrofon kann nicht alles wett machen. Die Verstärkung der Stimme mithilfe deines eigenen Körpers beeinflusst zum einen deinen Klang. Zum anderen ermöglicht dir Resonanz, dass dich die Zuhörer auch am Lagerfeuer hören oder wenn du unplugged zum Klavier singst.

 

Klang

Durch die Arbeit an der Atmung, den Registern, der Resonanz, den Stimmeffekten und vielem mehr beeinflusst du deinen Klang. Er wird durch Gesangstechnik vielfältiger.

 

Artikulation

Deine Zuhörer wollen deine Geschichte hören. Das gelingt mit der Arbeit an der Artikulation (wie du die einzelnen Laute formst) und der Aussprache (wie sie in Wörtern klingen). Wie intensiv die Arbeit daran ist, hängt davon ab, wie du im Alltag sprichst.

 

Stimmpflege

Wenn du lernst, wie du deine Stimme effizient gebrauchst, sollte in deiner Ausbildung auch Stimmpflege nicht fehlen. Das sind alle Maßnahmen, die deine Stimme gesund halten. Dazu zählen nicht nur Lebensstil und Nahrungsmittel, sondern auch, wie du Überanstrengung vermeidest und Stimmschäden vorbeugst.

Stimmpflege ist ein individuelles Thema – was dem Einen hilft, zeigt beim Nächsten keine Wirkung. Der Lehrer sollte aber zumindest Grundlegendes vermitteln, damit du durch Beobachtung zu deinen eigenen Hilfsmitteln finden kannst.

 

Singen Üben und Warm Up

Üben und Einsingen sind keine Gesangstechniken, aber mit ihnen trainierst du sie. Ausgehend von allgemeinen „Best Practice“-Hinweisen solltest du mithilfe deines Gesangslehrers so weit kommen, dass du ein individuelles Einsingen und eine Überoutine erstellst, die sich an deinem Trainingsstand als Sänger und deinem Leben ausrichten.

 

Warum ist die Arbeit an der Gesangstechnik notwendig?

Das sieht erstmal viel aus. Ist es auch, das möchte ich gar nicht klein reden. Eine verlässliche und gesunde Gesangstechnik ist jedoch notwendig, wenn du nicht einfach nur singen können willst, sondern gut und auf Dauer.

Die Arbeit an der Gesangstechnik vermittelt dir die richtige Handhabung deines Instruments Stimme. Von klein auf sind wir Stimmbenutzer, wir haben also jahrelanges Training darin. Da schleichen sich unbemerkt Fehler und schlechte Gewohnheiten ein, die im Gesangsunterricht abgebaut und durch gute Gewohnheiten ersetzt werden. Das Ziel? Eine Stimme, die physiologisch korrekt arbeitet und keinen Schaden nimmt, bei dem, was du mit ihr machst.

Du bereitest sie darauf vor, auf lange Sicht den Anforderungen deines Singens gerecht zu werden. Dass du dich auf sie verlassen kannst. Wenn du ausschließlich Songs singst, ohne deine Stimmtechnik zu trainieren, löst das deine Probleme nicht.

Du verstehst deinen Körper und Geist als Partner der Stimme und kannst sie bewusst für deine Zwecke einsetzen. Du gewinnst die Hoheit über dich selbst.

Und so ganz nebenbei trainierst du wertvolle Soft Skills: Eigenverantwortung, Frusttoleranz, Durchhaltevermögen, Disziplin, Fehlermanagement, Selbsteinschätzung, Umgang mit Rückschlägen.

 

Fazit

Gesangstechnik ist ein großes und wichtiges Aufgabengebiet im Gesangsunterricht. Eine solide Technik ermöglicht es dir, das zu singen, was du willst, ohne dir selbst dabei zu schaden.

Im zweiten Teil der Artikelreihe geht es um die Arbeit am Song.

 


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2 Kommentare
  1. Francesco Steinf. sagte:

    Super Artikel. Ich spiele nun schon einige Jahre leidenschaftlich Gitarre und war irgendwann an dem Punkt wo ich gerne dazu singen wollte. Das hat aber wirklich schrecklich geklungen :D ich dachte das wird nie was, ich hab kein Talent dafür… Wie der Zufall so wollte bin ich an einen Gesangslehrer gekommen und übe nun seit 3 Jahren fast täglich und einmal die Woche mit dem Lehrer und kann mittlerweile super zur Gitarre singen :) werde wohl nie ein Star aber ich muss mich damit auch nicht verstecken. Also immer schön fleißig und vorallem richtig üben ist was ich draus gelernt habe. Beste Grüße

    Antworten

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