Wahre Popsänger brauchen keine Noten!
Mit neuen Sängern komme ich zwangsläufig immer auf das Thema Noten zu sprechen. Die Frage „Noten oder nicht?“ ist ein ewiges Streitthema – mit vehementen Argumenten auf beiden Seiten. Deshalb nehme ich die Argumente gegen Noten im Popgesang heute genau unter die Lupe.
Ich stricke für mein Leben gern. Nenn mich altmodisch, aber Stricken ist für mich ein super entspannender Ausgleich zum Singen, Gesang unterrichten und Blogartikel schreiben.
Nun denken nicht wenige meiner Mitmenschen, dass alle Strickenthusiasten frei Schnauze stricken. Sehen sie mich dann mit einer Anleitung vor der Nase, erkenne ich schnell, bei wem ich Credibility verloren habe. Aber weißt du was?
Das ist mir egal.
Meine Schals sind deshalb nicht weniger hübsch als die von Strickern, die schon jahrzehntelang die Nadeln schwingen und jedes Muster unter der Sonne auswendig können. Stricken nach Anleitung funktioniert für mich hervorragend. Der Inhalt meines Kleiderschranks kann euch das bestätigen.
Genau so ist es auch im Popgesang.
Ein Sänger, der nach Noten singt oder zum Lernen der Songs benutzt, ist kein schlechter Sänger.
Nicht überzeugt? Dann lies weiter und erfahre, welche Argumente ich schon gehört haben zum Thema „Mit Noten im Popgesang singen? Niemals!“
Noten killen meine Skills!
„Im Popgesang kommt es auf das Feeling an. Genauigkeit ist übertrieben.“
Ich verstehe dich. Der Mut zum individuellen Ausdruck übt eine große Faszination auf Popsänger aus. Es klingt authentisch und genau das möchtest du auch.
Um diese Freiheit zu erlangen und eine wirklich gute Performance hinlegen zu können, musst du viele Stunden üben. Und da die Zeit irgendwie immer knapp ist, soll es zügig gehen. Das Zauberwort: Effizienz.
Effizient bedeutet „wirtschaftlich“. Wirtschaftlich mit den Ressourcen umzugehen, die du hast. Mit deiner Energie und mit deiner Zeit.
Auf das Singen bezogen bedeutet Effizienz also, dass du mit einem konkreten Nutzen, Ergebnis oder Ziel vor Augen übst. Du überlegst dir für jeden Song, wo die kniffligen Stellen sind und wie du sie verbessern kannst. Wenn du die Ergebnisse deiner Problemanalyse aufschreibst, beugst du Frust vor. In Noten geht das übrigens spielend leicht, denn du musst dir den Text, die Melodie oder den Rhythmus nicht erst umständlich aufschreiben. Stattdessen kannst du deinen Kommentar direkt dazuschreiben und behältst alles im Blick.
Ohne Noten stiehlst du dir jedoch selbst Zeit. Ohne Noten übst du täglich ein klein wenig anders. Und deshalb wird ohne Noten deine Performance unberechenbar.
„Mit Noten kann ich meine Improvisationsskills gar nicht trainieren.“
Sänger improvisieren ohne Noten. Da hast du vollkommen recht. Doch überleg mal:
- Lernt ein Innenarchitekt, wie man eine Wohnung einrichtet, ohne die Grundlage eines Hauses?
- Lernt ein Maler ohne Leinwand zeichnen?
- Lernt ein Fashion Designer ohne selbst gezeichnete Vorlagen Kleidung entwerfen?
Die Antwort lautet „Nein, natürlich nicht.“
Auch ein Sänger lernt Improvisieren nicht ohne Noten. Er lernt den Prozess ja noch. Das Ziel ist selbstverständlich, ohne Noten im Popgesang zu improvisieren. Bis er sein Ziel erreicht hat, nutzt er Noten als Gedächtnisstütze. Er schreibt sich tolle Ad Libs auf oder einen fantastischen Einstieg. Das übt er. Oft. Irgendwann können seine Stimmbänder diese Melodieschnipsel automatisch abrufen. Und mit anderen Schnipseln zusammenfügen. Ab diesem Punkt er braucht nur noch daran denken und schon improvisiert er – ganz ohne Noten.
Noten halten mich vom Singen ab!
„Ich will nur singen!“
Radio an. Text merken. Singen.
Alles easy. Singen ist prinzipiell vollkommen ohne Noten möglich.
Lass mich dir ein paar Fragen stellen.
- Kannst du mir in einem Satz sagen, worum es in dem Song geht? Aussagen wie „Der Sänger hat Liebeskummer.“ zählen übrigens nicht – zu allgemein. Es gibt drölfzigtausend Songs, die von Liebeskummer erzählen und doch ist jede Story anders.
- Was unterscheidet die Bridge vom Rest des Songs?
- In welchem Abschnitt ist der Rhythmus total verschieden zum Rest des Songs?
- Wo hat die Melodie ihren Höhepunkt?
- Und welche Hauptemotion steckt in der Strophe und welche herrscht im Refrain vor?
Wenn du dir selbst all diese Fragen beantworten kannst, ohne herumzudrucksen oder verlegen die Suchmaschine zu benutzen, dann brauchst du wirklich keine Noten. Dann ist dein Gedächtnis super und deine Ohren sind Riesenlauscher.
Wenn nicht, mach dir selbst das Leben leichter und benutze Noten.
Noten helfen dir, den Aufbau eines Songs kennenzulernen. Du erkennst, welche Funktion bestimmte Abschnitte haben und wie sie untereinander in Beziehung stehen. Das hilft dir zum Beispiel dabei, den richtigen Spannungsbogen zu finden, der deinen Gesang interessant macht. Oder auch, einfach nur den Überblick zu behalten über zig Strophen. Das Ergebnis: Du daddelst nicht verlegen vor dich hin, sondern hast Ahnung.
Wenn dich das alles jedoch nicht interessiert, dann begnüge dich bitte damit, ein durchschnittlicher Sänger zu bleiben.
Ich kann mir alles merken!
Fantastisch. Wenn du die Melodie, den Rhythmus, den Ablauf, deine Einsätze, deine Atempausen und die Stimmeffekte im Schlaf beherrschst, brauchst du auch kein Textblatt.
Die Gehirnforschung bestätigt immer wieder, dass das Gehirn das größte Sieb aller Zeiten ist. Wir sind, was wir wiederholt tun. Oder anders ausgedrückt: Nur, was du wiederholst, bleibt haften. Der Rest wird verdrängt und aussortiert.
Du kennst das sicherlich vom Singen. Du singst jemandem vor (zum Beispiel deinem Gesangslehrer) und er antwortet dir, dass vielleicht ein paar schiefe Töne dabei waren. Du singst die Stelle nochmal und konzentrierst dich auf die Tonhöhen – und plötzlich sagt er, dass deine Atmung jetzt hoch war oder der Text nicht mehr zu verstehen. Das Gehirn kann sich maximal mit 7 Sachen gleichzeitig beschäftigen. Sobald du dich auf eine davon konzentrierst, werden die anderen 6 Sachen in den Hintergrund gedrängt. (Die Übemethode „Chunking“ basiert auf dieser Erkenntnis.)
An dieser Stelle kommt das Papiergedächtnis ins Spiel. Die Noten sind der beste Freund deines Gehirns. Sie sagen dir, ob als nächstes ein hoher Ton kommt, den du rechtzeitig vorbereiten musst, ob schnelle Noten mit viel Text kommen, wo du den Unterkiefer loslassen darfst, oder ob die nächste Phrase besonders lang ist, wo du mit deinem Atem gut haushalten musst.
Noten sind ein Hilfsmittel. Kein Teufelswerk. In jedem Stil, nicht nur im Populargesang.
Singen ist nur ein Hobby für mich!
Warum singst du? Warum nimmst du Gesangsunterricht? Warum probst du mit deiner Band oder deinem Chor?
Nur die wenigsten Menschen singen wirklich ausschließlich für sich selbst. Wenn du zu 150% zufrieden damit bist, Auto- oder Duschsänger zu sein und dir niemals, also wirklich absolut niemals nicht, im Leben vorstellen könntest, auch nur für deinen Partner oder deine Kinder zu singen, dann brauchst du nicht mehr weiterlesen.
Alle anderen, die, die Oma Elfriede zum 80. Geburtstag ein schönes Ständchen bringen wollen, die mit der Band zum nächsten Contest wollen oder dem Partner auf der Hochzeit den ultimativen Liebesbeweis erbringen wollen: Hört auf, euch selbst zu belügen!
Sobald Ambitionen ins Spiel kommen – und es ist vollkommen egal, wie klein oder groß diese sind, ob du Hobbysänger bleiben oder das Singen zum Beruf machen willst – willst du dich als Sänger verbessern. Sobald du dich verbessern willst, solltest du alle Mittel einsetzen, die dir zur Verfügung stehen. Dazu gehört auch, Neues zu lernen und Sachen zu tun, über die du noch nie zuvor nachgedacht hast. Beim Singen zum Beispiel Noten zu verwenden, Gesangsunterricht nehmen, die komischen Atemübungen zu machen oder deinen Tagesablauf umzusortieren, damit dein Partner nichts von deinem Üben mitbekommt.
Ich sing eh alles auswendig!
Wer behauptet denn, dass du nicht mehr auswendig singen kannst, wenn du Noten benutzt?
Das wäre, wie wenn du Tango nur noch mit Tanzschuhen tanzen könntest. Was machen dann die Südamerikaner, die plötzlich Lust auf einen kurzen Tanz haben, aber gerade Flipflops tragen?
Noten im Popgesang zu benutzen, hindert dich in keinster Weise daran, auswendig zu singen. Im Gegenteil, sie helfen dir sogar beim Lernen. Du hast nicht nur den Text vor dir, sondern auch den Rhythmus, die Melodie, deine Notizen zum Aufbau und deine Hinweise zur Gesangstechnik.
Ich hör mir das alles aus Youtube & Co. heraus!
Es tut mir leid, aber diesen Zahn muss ich dir ziehen: Du möchtest keine Noten verwenden, hast im schlimmsten Fall Null Ahnung von Musiktheorie und möchtest dann Songs über das Gehör aufschreiben? Ich wünsche dir viel Freude bei der stundenlangen Arbeit!
Ehrlich: Noten sind die Abkürzung. Jemand anderes hat dir Arbeit abgenommen und all das, was du durch das Heraushören tun willst, bereits für dich erledigt.
Versteh mich nicht falsch!
Das Heraushören ist eine Fähigkeit, die sich jeder Musiker angewöhnen sollte. Es macht das Musikerleben einfacher. Aber diese Musiker haben zum Großteil deftig Ahnung von Musiktheorie.
- Sie können dir alle essentiellen Tonleitern aufwärts, abwärts, im Krebsgang und nach 10 Schnäpsen noch korrekt vorspielen.
- Sie wissen, was die Buchstaben über der Melodielinie bedeuten und können sie umsetzen.
- Sie schrecken auch vor 6-seitigen Leadsheets mit 5 mehrzeiligen Wiederholungen, 4 Modulationen und 3x Kopf-zu-Kopf nicht zurück.
Für diese Musiker ist das Heraushören eine Methode, ihr Gehör zu trainieren und gleichzeitig Noten auf ihre Korrektheit zu überprüfen.
Noten sparen Zeit. Sie sind der Fortschritt. Ein Möglichkeit, unabhängig von Ort und Zeit Songs einzustudieren. Musiker, die Noten verwendet, haben die maximale Eigenständigkeit erreicht. Sie sind nicht auf die 1-zu-1-Weitergabe durch einen Lehrer angewiesen und noch nicht einmal auf eine Tonaufnahme. Kopfhörer sind überflüssig, wenn du Noten hast.
Du hast es in der Hand. Willst du abhängig sein – oder frei und eigenständig?
Noten sind reine Zeitverschwendung!
An dieser Stelle offenbart sich das Hauptproblem: Noten im Popgesang abzulehnen ist nur das Symptom für einige Ursachen, die viel tiefer liegen:
- Noten sind so teuer.
- Noten strotzen nur so vor Fehlern.
- Ich kann keine Noten lesen.
Weißt du was? Das sind Ausreden.
„Wer will, der findet Wege. Wer nicht will, findet Gründe.“
Sei jetzt bitte ganz ehrlich zu dir selbst. Hast du dich selbst wiedererkannt? Das ist kein Fehler! Das ist menschlich.
Aber bitte erkenne, dass du dich als Sänger nur weiterentwickeln wirst, wenn du Neues ausprobierst. Wenn du aus deiner Komfortzone herausgehst. (Mehr dazu findest du im Artikel „Diese entscheidende Sache macht dich zu einem erfolgreichen Sänger“.)
Lass uns die Ausreden, verzeih, die Gründe genauer unter die Lupe nehmen.
„Noten sind so teuer.“
Ein Einzelausgabe beim Online-Notenhändler kostet 3 bis 5 Euro. Dafür bekommst du einen (!) Song.
Ein Notenheft kostet in der Regel zwischen 15 und 25 Euro. Das wären gerade einmal 5 Songs, wenn ich denselben Maßstab wie bei Einzelausgaben anlege. Meistens enthalten diese Sammlungen jedoch 15, 20, 30 oder sogar 40 Songs.
Angenommen ein Songbook kostet 20 Euro und enthält 30 Songs. Dann kostet dich jeder Song 66 Cent. Weniger als 1 Euro. Selbst wenn du in der Sammlung nur 15 Songs interessant für dich findest, sparst du trotzdem einen Haufen Geld.
(Mehr zum Thema faire Noten erfährst du im Artikel „Warum Gesangsnoten nicht kostenlos sind“.)
„Die Noten sind sowieso immer falsch und strotzen vor Fehlern.“
Drei Hauptverantwortliche gibt es dafür: die Notation, das Internet und die Verlage.
Erstens: Die Notation von Musik differenziert nur Tonhöhe und Tondauer. Klang und individueller Ausdruck, die in der Popularmusik enorm wichtig sind, können mit den konventionellen Mitteln der Notation nicht dargestellt werden. Das Ergebnis: Gesangslinien werden vereinfacht, oder jede Verzierung so genau notiert, dass sie extrem schwer zu entziffern sind. Im Endeffekt geht es jedoch auch jedem Gitarristen so, der nach Tabs spielt. Die Noten stehen da, aber welchen Effekt er mit welchem Pedal macht, bleibt seiner Fantasie überlassen.
Zweitens: Das Internet macht es jedem Menschen leicht, seine Meinung in der Welt zu verbreiten. Hobbymusiker stellen nach dem „Close is good enough“-Prinzip Texte, Akkorde und Arrangements ins Internet, ohne auf etwaige Fehler hinzuweisen. Und der User, der diesen Eintrag dann liest, kann nicht erkennen, ob besagter Hobbymusiker musikalische Ahnung hat oder nicht.
Und drittens: die Verlage. Tja, manchmal frag ich mich, was die geraucht haben. Da werden Melodien tonal und rhythmisch unnötig vereinfacht und Songs in leicht spielbare Tonarten transponiert. Aber was bitte schön ist an D-Dur mit 2 Vorzeichen schlimm? Warum muss es das blanke C-Dur sein? An der Vocal Range kann es nicht liegen.
Die Erkenntnis: Trau keiner Quelle, die du nicht selbst manipuliert hast ;- ) Mach deine Ohren auf und vergleiche, ob die Noten mit dem Song identisch sind. Ergänze Gesangslinien – das ist die so oft herbeigesehnte Freiheit und Improvisation!
„Ich kann keine Noten lesen.“
Musik ist eine Sprache. Zu jeder Sprache gehört die Praxis und die Theorie.
Ja, Kinder lernen ihre Muttersprache allein über die Praxis. Erst nach 6 bis 7 Jahren Sprechtraining kommt die Theorie dazu – das Schreiben und Lesen.
Aber jede weitere Sprache lernst du gleichzeitig praktisch und theoretisch. Es wäre einfach viel zu umständlich, Russisch zunächst sprechen zu lernen und nach 5+ Jahren erst das kyrillische Alphabet und die grammatikalischen Hintergründe. So viel Zeit hat niemand.
Fakt ist, Noten lesen ist eine verdammt wichtige Fähigkeit, um die Sprache Musik nicht nur zu sprechen, sondern sich in ihr auch kreativ ausdrücken zu können.
Notenschrift dient der Verständigung und dem Austausch unter Musiker. Sie ermöglicht Gespräche auf Augenhöhe, mitreden, sich einbringen. Mit dieser Fähigkeit musst dich nicht als musikalischer Analphabet outen.
Petra Scheeser schreibt in ihrem Buch „Sing! Die neue Vocal School für SIE“:
„Stell dir einmal vor, du könntest weder lesen noch schreiben. Du musst zugeben, dass das dein Leben ganz schön kompliziert machen würde.“ (S.107)
Fazit
Die Abneigung gegen Noten im Popgesang ist unnötig. Noten sind kein Gefängnis für deine sängerische Arbeit, sondern ein Hilfsmittel. Erkenne fadenscheinige Aussagen wie „Noten killen meine Skills!“, „Noten halten mich vom Singen ab“, „Ich kann mir alles merken!“, „Singen ist nur ein Hobby für mich.“, „Ich sing eh alles auswendig.“, „Ich höre mir das alles heraus.“ und „Noten sind Zeitverwschwendung.“ als das was sie sind: Ausreden. Vermeintliche Gründe, die deinen Fortschritt als Sänger behindern.
Wenn du deine gesanglichen Fähigkeiten verbessern willst, investiere in dich und die Art, wie du an deinem Gesang arbeitest. Noten sind ein wichtiger Schritt auf dieser Reise.
Was meinst du? Sind Noten im Popgesang hilfreich oder überflüssig? Lass es mich in den Kommentaren wissen.
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