Popgesang oder klassischer Gesang – Teil 3: Die Unterschiede
Sänger haben die Wahl: Popgesang oder klassischer Gesang? Was haben sie gemeinsam? Wo unterscheiden sie sich? In dieser 3-teiligen Artikelserie lege ich beide unter das Mikroskop, damit du weißt, was Sache ist.
In dritten Teil betrachten wir die Unterschiede zwischen Popgesang und klassischem Gesang. Damit du weißt, worauf du beim Anhören von Sängern und bei der Auswahl deines Gesangsunterrichts achten kannst.
Teil 1: Was ist was? | Teil 2: Die Gemeinsamkeiten | Teil 4: Hörbeispiele
Nach den Gemeinsamkeiten geht es heute um die Unterschiede zwischen Popgesang und klassischem Gesang.
Die Bedeutung des Sängers
Pop und Klassik geben dem Sänger ein anderes Gewicht im Vergleich zur Musik.
Im Populargesang ist der Sänger sehr wichtig, denn an ihm hängt die Interpretation und somit der Erfolg. Musik dient der Kommunikation – und zwar der eigenen Story oder einer, die dem Sänger am Herzen liegt. Der Sänger darf stark individuell sein. Dies betont die Authentizität, die im Pop enorm wichtig ist. Der Sänger ist damit nur bedingt austauschbar. Vor allem die, die einen ganz eigenen Stil entwickelt haben: Herbert Grönemeyer, Michael Jackson, Serj Tankian von System Of A Down, Lena Meyer-Landrut. Popgesang ist also künstlerzentriert.
In der Klassik hingegen ist der Sänger Vermittler. Er dient der Musik und der Rolle, die er verkörpert, und damit dem Komponisten. Dessen Absichten und die Musik, die er komponiert hat, haben Vorrang vor der Sängerpersönlichkeit. Die Musik wird damit zum höheren Ziel an sich. Der Sänger dagegen ist austauschbar – mit Ausnahme der ganz Großen (Kaufmann, Netrebko, Callas, Caruso, Domingo, Pavarotti, Caballe, etc.). Klassischer Gesang ist also komponistenzentriert.
Interessanterweise gilt das in gewissem Maß auch für Musicaldarsteller, obwohl Musicalgesang dem Popularbereich zugeordnet wird.
Gesangstechnik
Im zweiten Teil dieser Serie sprach ich von einer Basis-Gesangstechnik. Darüber hinaus gibt es jedoch bedeutende Unterschiede zwischen den Genres.
Im Pop dient die Gesangstechnik dazu, einen Saal mit Zuhörern zu füllen. Der individuelle Ausdruck des Sängers ermöglicht es. Je individueller der Sänger klingt, desto stärker wirkt er auf Fans. Es gibt keine Messlatte für guten Gesang, so dass die Stimme Ecken und Katen haben darf.
In der Klassik dient die Gesangstechnik dazu, einen Saal mit Klang zu füllen. Klassische Sänger werden auf ein Stimmideal trainiert, dass unter anderem raumfüllend laut ist. Ihre Stimme verliert in der Ausbildung viele Eigenheiten und wird runder geschliffen. Das führt zum einen dazu, dass die Sänger in der klassischen Ästhetik singen können. Zum anderen können sie dies sehr lange bzw. ein Leben lang tun.
Das klingt sehr allgemein, deshalb hier einige Details.
Register
Die Fähigkeit, in Bruststimme und Kopfstimme singen zu können, haben alle Sänger gemein. Das Gewicht ist nur ein anderes – was nicht bedeutet, dass ein Register dem anderen vorgezogen oder das andere nicht trainiert wird. Pop- und Klassik-Sänger müssen in beiden Registern singen können.
Im Popgesang liegt der Fokus auf der Bruststimme. Popgesang will Geschichten erzählen. Was liegt da näher, als auch tatsächlich den Tonbereich zum Singen zu verwenden, den du zum Sprechen benutzt. Ganz ohne Kopfstimme kommst du zwar nicht aus, denn in den höheren Lagen liegen die „Money Notes“, die beim Publikum besonders gut ankommen, aber die Bruststimme ist der unangefochtene König.
An der Schnittstelle zwischen Bruststimme und Kopfstimme darfst du mit den Registern machen, was du möchtest: gegeneinander absetzen, ein wenig mischen, nahtlos ineinander übergehen lassen.
Im klassischen Gesang liegt der Fokus auf der Kopfstimme. Der Klang ist sehr obertonreich, womit er sich gegen ein ganzes Sinfonieorchester durchsetzen kann. Die Register müssen nahtlos ineinander übergehen, denn die Sänger streben einen einheitlichen Klang aller Töne an.
Kehlkopf
Im Pop darf er dort bleiben, wo er auch beim Sprechen ist: in einer neutralen bis leicht erhöhten Stellung. In der Klassik wird er tendenziell leicht tief bis tief gestellt. Das vergrößert den Resonanzraum und trägt zum voluminöseren Klang bei.
Tonumfang
Ein Popsänger muss nicht zwangsläufig an seinem Tonumfang arbeiten. Wenn er seine Ziele mit dem Umfang erreichen kann, den er hat, ist das Thema abgehakt.
Die Arbeit an der Höhe und der Tiefe ist dann besonders wichtig, wenn du Songs von anderen Künstler singen willst. Whitney Houston, Mariah Carey, Christina Aguilera, Celine Dion und Michael Jackson sind auch deshalb so erfolgreich (gewesen), weil sie ihr Instrument ausgebaut haben.
Ein klassischer Sänger muss am Tonumfang arbeiten. Er dient der Musik, die ihm diktiert, was seine Stimme leisten muss.
Klangideal
Sowohl im Popgesang als auch im klassischen Gesang gibt es Schubladen, in die ein Sänger passen muss.
Im Popgesang gibt es eine Bandbreite an Klängen. Sie können von sehr natürlich bis sehr metallisch reichen, von vollkommen smooth bis stark kratzig und verzerrt, von gehaucht bis gepresst, nasal oder nicht nasal. Alle Ausdrücke zwischen Sprechen und Singen sind erlaubt.
Der Klang eines Popularsängers wird nur von den Genres eingeschränkt. Ein Jazzsänger soll nach Jazz klingen, ein Rocker nach Rock. Ein Countrysänger, der Blues singt und nicht die bluestypischen Stilelemente verwendet, wird schräg angeguckt.
Im klassischen Gesang gibt es ein sehr einheitliches Klangideal. Der Klang ist rund, offen und voluminös. Sprich mal ein paar Wörter, während du gähnst. Das ist natürlich eine Übertreibung, aber du bekommst eine Ahnung davon.
Die Stimme klingt außerdem sehr klar und frei von Rauigkeit und Hauch. Eine auf diese Art glattpolierte Stimme kann künstlich wirken, weil du die Persönlichkeit hinter dem Sänger nicht auf Anhieb erkennen kannst.
Ein Ausnahme von den absoluten Freiheiten der Popularmusik bilden Musical und Disney. Hier steht wie in der Klassik die Rolle und die Absicht des Komponisten im Vordergrund. Der Sänger muss also einem fremdbestimmten Klangideal folgen und klingt zugleich nicht wie ein klassischer Sänger. Besonders deutlich treten das Metall in der Stimme und die große Textverständlichkeit dabei hervor.
Tragfähigkeit
Ein ganz entscheidender Faktor für die Popularität moderner Musik ist die Erfindung des Mikrofons.
Vor dem Mikrofon gab es für Sänger nur eine Möglichkeit, gehört zu werden: klassisches Gesangstraining. Klassische Sänger müssen über ein volles Orchester hinweg gehört werden. Sie wurden und werden deshalb auf Resonanz und Tragfähigkeit trainiert.
Popsänger müssen bestenfalls so laut sein, dass sie unplugged gut gehört werden. Für Lautstärke und Tragfähigkeit nutzen sie stattdessen das Mikrofon.
Artikulation und Aussprache
Im Popgesang reicht es, wie im Gespräch mit Freunden zu klingen. Vokale und Konsonanten sind ebenbürtig, was die Botschaft des Songs verstärkt. Durch verlängerte Vokale und weiche Konsonanten bzw. perkussive Konsonanten und ultrakurze Vokale kannst du das natürlich variieren.
Dass Popsänger besser zu verstehen sind als klassische Sänger, ist übrigens ein Mythos. Stimmeffekte, Vokalanpassungen, „sing’n wii schprösch’n“ und ein hoher Anteil geräuschhafter Konsonanten tragen nicht gerade zur Textverständlichkeit bei.
Bei englischen Texten ist es wichtig, dass du kein übertriebenes „Mary Poppins Englisch“ benutzt. Verbinde die Wörter wie Kaugummi, besonders vom Konsonant zum Vokal, und trainiere die Vokalfarben und Diphthonge. Kein deutscher Sänger muss bei englischen Texten so klingen, dass ihn Muttersprachler sofort als solchen erkennen, aber ein bisschen Annäherung gibt Pluspunkte.
Im klassischen Gesang werden dagegen die Vokale verlängert, denn sie transportieren den Klang. Konsonanten werden so kurz und so spät wie möglich artikuliert, um den Klang so wenig wie möglich zu stören.
Die Klassik befürwortet die korrekte Art, eine Sprache zu sprechen. Dialekte werden nur in entsprechend vorgesehenen Opern- und Operettenrollen akzeptiert. Dadurch klingt der Sänger natürlich gestelzt, aber er steht der Musik nicht im Weg. Der Wohlgesang ist wichtiger als die Textverständlichkeit.
Ausdruck
Wie sich Popsänger stimmlich ausdrücken, unterliegt keinen Vorschriften. Riffs können an so ziemlich allen Stellen innerhalb einer Phrase die Melodie verzieren. Noten von Popsongs sind zwar keine Ausnahme mehr, aber sie dienen bestenfalls als Annäherung an das fertige Klangergebnis, weil es für viele Kleinigkeiten wie Hauch, plötzlich Registerwechsel und Stimmeffekte gar keine Notensymbole gibt.
Klassische Sänger sind in ihrem Ausdruck deutlich stärker an die Noten gebunden. Natürlich gibt es Freiheiten, die zum Beispiel der Verkörperung der Rolle Rechnung tragen. Die Tendenz, sich stark an Noten zu orientieren, ist jedoch deutlich höher als in der Popularmusik. Die einzige wirklich freie Entfaltungsmöglichkeit haben sie in der sogenannten Kadenz am Ende einer Arie, wo sie ihre Koloraturfähigkeit und Kreativität unter Beweis stellen.
Auch Musicaldarsteller müssen sich an die Noten halten und sind deshalb ähnlich stark beschnitten wie klassische Sänger.
Der Ausdruck ist eine Mischung aus mehreren Parametern. Auf zwei Aspekte, Vibrato und Legato, möchte ich näher eingehen.
Vibrato
Es ist das wohl deutlichste Unterscheidungsmerkmal zwischen Sängern verschiedener Genres. Auch das Verständnis von Vibrato ist grundverschieden.
Im klassischen Gesang ist Vibrato Pflicht. Als Zeichen einer reifen und ausgebildeten Stimme sollte es andauernd und gleichmäßig sein, nicht zu ausladend und weder zu schnell noch zu langsam. Nicht umsonst wird es jahrelang kultiviert. Lediglich in der Alten Musik wird wenig bis gar kein Vibrato verlangt.
Was in der Klassik selbstverständlich ist, sorgt im Pop für Grabenkämpfe. Es gibt zahlreiche Sänger, die Vibrato einsetzen und genauso viele, die es meiden. Denn Vibrato kann, aber muss nicht im Populargesang. Die Abwesenheit signalisiert einen jungen, frischen, ungekünstelten Sound.
Jeder Popstil hat andere Klangvorstellungen entwickelt. Im Deutsch-Pop geht Vibrato gar nicht. Auch Punk, Rock und Metal bevorzugen gerade Töne.
Im französischen Chanson, Italo-Pop, Musical, Symphonic Metal und in vielen amerikanischen Stilen (Traditional Pop, Country, Soul, Gospel) wird Vibrato hingegen gern als Stilmittel eingesetzt. Während klassische Sänger mit Vibrato singen müssen, benutzen es Popsänger wie Salz: ein bisschen hier, ein wenig da, aber niemals durchgängig. Die Fähigkeit, es abstellen zu können, gilt als maximale Freiheit im Ausdruck.
Legato
In der Klassik wird sehr viel Wert auf Legato gelegt. Der Klang soll ohne Absetzen von einem Ton zum anderen, von einer Silbe zur nächsten, fließen. Staccato wird dagegen nur sparsam eingesetzt.
Im Pop kann der Sänger freizügigeren Gebrauch von Legato und Staccato machen. Du erinnerst dich: Es geht darum, eine Geschichte zu erzählen. So wie ein Geschichtenerzähler nicht alles herunterrasselt, nutzt auch ein Popsänger Legato und Staccato, um der Geschichte und der Melodie Form zu geben.
Legato und Staccato sind mit Emotionen und Ausdruck besetzt. Durch ihren Einsatz kannst du eine Stelle akustisch vorantreiben oder ausbremsen. Legato klingt weich, verbunden, getragen; Staccato dagegen spitz, isoliert, gehetzt.
Noten
Das ist ein heißes Eisen, denn im Popgesang sind Noten nicht zwingend vorgesehen. Profis schwören drauf, weil sie die Kommunikation zwischen den Musikern vereinfachen.
Laien lehnen sie oft kategorisch ab. Mir ist nach über 20 Jahren aktivem Musikmachen nicht klar ist, ob diese Meinung aus Unwissenheit, Angst oder Faulheit entsteht. Zahlreiche berühmte Musiker scheinen ihnen recht zu geben: Sie konnten niemals auch nur eine Note benennen oder schreiben und haben es „trotzdem“ geschafft.
Mehr zu diesem Thema kannst du im Artikel „Wahre Popsänger brauchen keine Noten! Oder doch?“ lesen.
Im klassischen Gesang und im Musical sind Noten unvermeidbar. Sie werden möglichst exakt befolgt, um die Absicht des Komponisten so korrekt wie möglich darzustellen.
Die Länge der Ausbildung
Der letzte große Unterschied zwischen Popgesang und klassischem Gesang ist die Ausbildung, der Weg bis zum großen Durchbruch.
Im Pop ist die Gesangsausbildung individuell lang. Von „gar nicht“ (Louis Armstrong) über rein privaten Gesangsunterricht (Beyoncé) bis zum Masterabschluss (Kate Miller-Heidke) ist alles möglich. Darin zeigt sich, dass die Heritage (Ahnenreihe) vollkommen egal ist. Was du lieferst zählt. Ob dir das im Alleingang oder mithilfe von 20 Lehrern gelingt, interessiert niemanden.
Oft triffst du auch auf Sänger, die erst dann Vocal Coaching in Anspruch nehmen, wenn der Durchbruch gemacht ist. Sie stellen fest, dass sie die Tour nicht durchhalten, dass sie wiederholt Probleme mit der Stimme haben, dass die Stimme der mentalen, emotionalen oder physischen Belastung nicht standhält. Beispiele dafür sind James Hetfield (Metallica), Sam Smith, Hayley Williams (Paramore), Matt Tuck (Bullet For My Valentine) und Adele.
Im klassischen Gesang musst du ausgebildet sein. Die Länge ist auch hier individuell, wobei die meisten im (Kinder)Chor anfangen, als Jugendliche die ersten Gesangsstunden erhalten und dann ihren Bachelor und Master machen.
Ihnen allen ist gemein, dass die Heritage extrem wichtig ist. Heritage ist das Erbe: Wer waren deine Gesanglehrer? In welcher Methode wurdest du unterrichtet? An welchem Institut hast du studiert? Bei wem hast du Meisterkurse belegt? Mit welchen Kollegen und unter wessen Dirigat / Regie hast du schon gesungen? An welchen renommierten Orten bist du schon aufgetreten? Die Beziehungen, die im Laufe deiner Ausbildung entstehen, entscheiden über das Wohlwollen neuer Bekanntschaften.
Darüber hinaus empfehle ich jedem Sänger, egal in welchem Genre: Lerne weiter. Nimm an Workshops und Meisterkursen teil. Tausch dich mit Kollegen aus. Experimentiere und sei offen für Neues. Wer meint, sein Instrument gemeistert zu haben, wird spätestens 5 Jahre später von der Konkurrenz überholt.
Auch die Ganz Großen tun es. Renee Fleming (Oper) und Kellie O’Hara (Broadway Musical) haben die Bühnen getauscht. Michael Bublé (Jazz) und Josh Groban (Klassik) tauschen Songs.
Fazit
Es ist spannend, diese ganzen Unterschiede zwischen Popgesang und klassischem Gesang schwarz-auf-weiß zu sehen. Es sind dann doch ganz verschiedene Arten zu singen.
Gab es einen Punkt, der dich überrascht hat? Oder bei dem du ganz anderer Meinung bist? Schreib mir einen Kommentar.
Zuletzt geändert am 27.01.2021. Grund: Unklarheiten in der Sprache. Links zum Vibrato und zur Gesangstechnik eingefügt.

Jessica Pawlitzki, 2017
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Sehr gute Übersicht und fair gehalten!
Vielen Dank, Thomas.
Danke für diese super Übersicht. Ich frage mich, welche Gesangstechnik am besten geeignet ist für die Schule. Ich habe den Eindruck, dass im Schulchor häufig Gesangsübungen von klassischem Gesang vermittelt werden, dabei scheint mir Pop-Gesangstechnik viel intuitiver und natürlicher.
Hallo Ole,
das Singen in der Schule ist noch einmal ein ganz anderes Ding. Meiner Meinung nach gibt es mehrere Minenfelder, die sich nur schwer alle gleichzeitig navigieren lassen.
Minenfeld 1: Die Lehrer sind zwar genauso mit Popmusik aufgewachsen wie ihre Schüler – aber eben mit anderer. 90er Jahre Techno ist heute, in 2020, komplett out. Jedes Jahrzehnt hat seine stilistischen Eigenheiten und Lehrer haben eben nicht so viel Freizeit wie Kids, um sich in die Feinheiten der tagesaktuellen Musik einzufuchsen.
Minenfeld 2: Die Ausbildung der Lehrer ist leider immer noch schwerpunktmäßig klassisch und chorisch ausgerichtet. Pop setzt sich dort nur schwer und langsam durch, was auch daran liegt, dass es zu wenige Lehrkräfte gibt, die sich wissend genug fühlen, andere Lehrkräfte darin zu unterrichten.
Minenfeld 3: Die Kids befinden sich stimmlich in einer absoluten Umbruchphase. Das typische Jodeln zwischen Kinderstimme und angehender Erwachsenenstimme ist nur die Spitze des Stimmwechsel-Eisbergs, der sich über mehrere Jahre erstreckt. Und in dieser Zeit ist die jugendliche Stimme instabil, hauchig, hat einen geringen Tonumfang. Kurzum, die Kids haben das Gefühl, sich auf ihre Stimme nicht verlassen zu können. Kommt noch hinzu, dass der Stimmwechsel bei jedem anders verläuft – anderes Startalter, unterschiedlich lang, verschiedene Probleme, andere Endalter (häufig erst mit 20-25).
Minenfeld 4: Obendrein vergleichen die Kids ihre jugendlichen Stimmen (mit allen gerade genannten Ecken) mit erwachsenen Sängern, die diesen Spaß schon hinter sich haben. Sorry, aber das ist, als würde sich ein jugendlicher Leichtathlet mit einem Olympia-Sieger vergleichen. Da brauchen Musiklehrer ein gutes Einfühlungsvermögen, um den Schülern diesen Zahn ohne bleibende Schäden für das sängerische Selbstbewusstsein zu ziehen.
Minenfeld 5: Es gibt wenige Musiklehrer, die das Wissen bzw. die Zeit haben, auf Brummer, Stimmwechsler und andere unsichere Sänger souverän einzugehen. Sicherlich gibt es den Einen oder die Andere, die das tun können und auch machen – aber der Großteil ist schon damit vollauf beschäftigt, die ganzen Regularien zu erfüllen, die die Schule/Schulbehörde an sie stellen. So was wie Lehrpläne erfüllen, Klausuren austüfteln, Noten vergeben. Was ein Lehrer eben noch so macht. Gesang ist ja bei weitem auch nicht das einzige, was in Musik vermittelt werden soll: Musiktheorie soll noch abgedeckt werden und Instrumentenkunde und Musikgeschichte und evtl. noch ein Bandprojekt oder ein Klassensong und Chor-AG und eine Musical-AG mit jährlicher Aufführung und und und… Und das alles bei häufig ausfallendem Unterricht, fachfremden Lehrern und wenig Appreciation seitens der Kollegen für die immense Arbeit, die das für die Lehrkräfte bedeutet.
Kurz und gut, welche Methode ist für die Schule geeignet? Meiner Meinung nach eine Mischung aus chorischer Stimmtechnik und Pop-Stilistik. Chorische Stimmtechnik weil sie sanft genug ist, einen Großteil der Kids in den verschiedenen Stadien des Stimmwechsels abzuholen und sie singen zu lassen, ohne ihnen nennenswerten Schaden zuzufügen. Und weil die meisten Fachlehrer damit vertraut sind. Pop-Stilistik eben, weil es Lehrer wie Kids anspricht.
LG Jessica
P.S. Eigentlich haben wir es in Deutschland noch gut. Wir haben wenigstens Musikunterricht in der Schule. Einige meiner Sänger aus Spanien und Brasilien berichteten mir, dass es dort gar keinen Schulmusikunterricht gibt. Wer sich musikalisch betätigen möchte, muss das privat tun.
Danke Jessica, für deine schnelle Antwort! Ich würde gerne meine Masterarbeit (Lehramt Musik) über diese Frage schreiben und einige Schulen besuchen um zu schauen, wie dort mit Gesangstechnik umgegangen wird. In meiner Schulzeit und bei einigen Praktika hatte ich immer das Gefühl, dass die Jugendlichen eigentlich gar nicht so genau wissen was sie tun, dass singen für sie anstrengend war und/oder sie nach dem Singen heiser waren. Ich hatte damals schon Gesangsunterricht und fand es teilweise echt schwierig zu sehen wie einige jedes Mal ihre Stimmen zerbretzelten. Aber gleichzeitig wird ja auch im Sportunterricht oft das Aufwärmen weggelassen/bzw. keine Zeit dafür, und Verletzungen werden in Kauf genommen. Schwieriges Thema meiner Meinung nach …
Was für ein spannendes Thema, Ole! Und wie schade für die Kids, wenn sie heiser aus der Probe gehen. Das muss meines Erachtens heute nicht mehr sein. Es verlangt jedoch von der Lehrkraft, dass sie für die Vorteile von Warm-Ups und Gesangstechnik sensibilisiert wurde und auch Ideen entwickelt, diese spannend für die Kids umzusetzen. Ich drücke dir die Daumen, dass du dein Thema genehmigt bekommst!
LG Jessica
Liebe Jessica, das ist wirklich eine hervorragende, treffende, differenzierte Übersicht. Ich bin Lehrerin und habe seit Corona damit zu tun, dass im Unterricht nicht mehr gesungen werden darf. Nun bereite ich gerade eine Einheit zu „Musik und Stimme“ für den Distanzunterricht vor, wo jeder Schüler mal in Ruhe alles Mögliche ausprobieren darf (und ich hoffe einfach auch, sie tun es wirklich). Deine Übersicht ist für mich eine echte Hilfe.
Auch Deinen Artikel über die „großartige Stimme“ fand ich sehr treffend, und ich denke, jede/r, der wirklich Musik macht, stimmt Dir zu, ganz egal, aus welcher musikalischen Ecke er/sie kommt. Ich bin selber nur mit Volkslied (Singen im Familienkreis) und klassischer Musik aufgewachsen (nein, ich bin noch nicht 80…, sondern halb so alt, aber war eben so in meiner Familie…). Doch die Differenzierungsfähigkeit und verschiedenen Stimmklänge bei vielen Popsängern – die ich meistens durch meine Schüler oder wegen meiner Schüler kennengelernt habe, begeistern mich sehr und ich finde es einfach nur traurig, wenn diese ganz andere Art Ästhetik überhaupt nicht gesehen wird. Andererseits merke ich an der zunächst immer sehr geringen Akzeptanz meiner Schüler gegenüber Oper (die Kleinen schreiben oft „Opa“) und klassischem Gesang, wie wichtig es ist, durch behutsame Annäherung, aber vor allem durch gemeinsames Musizieren und Singen aller Genre und durch alle Jahrhunderte, ein breites Verständnis zu wecken.
Vielen Dank für Deine tolle Website! Ich werde sie immer mal wieder besuchen!
Viele Grüße, Kathrin
Es freut mich zu hören, dass die Artikel dir helfen, Kathrin. Ich stimme dir zu, dass es leider immer noch eine Art Grabenkampf zwischen klassischem Gesang und Populargesang gibt. Ich verallgemeinere hier sehr stark, aber manchmal fühlt es sich so an, dass jeder – anscheinend – nur seinen eigenen Standpunkt versteht und nicht den des Anderen. Auf beiden Seiten werden sofort Meinungen ausgepackt („Das hier mag ich, aber das da gefällt mir nicht.“), anstatt auf Entdeckung und in den Diskurs zu gehen („Ich weiß noch nicht, wie mir das gefällt und falls ich zu dem Ergebnis komme, dass es mir nicht gefällt, kann ich sagen, woran es liegt.“)
Wie schön, dass du mit aktivem Musizieren groß geworden bist. Du musst dich auch nicht dafür entschuldigen, mit welcher Sorte Musik das geschehen ist. Musik ist Musik. Und du kannst es nutzen, um wie du bereits gesagt hast, deinen Schülern zu helfen, die Gegenseite kennenzulernen. Genau das braucht es für ein gutes Miteinander.
Viel Spaß beim weiteren Lesen! Ich freu mich, wenn du wiederkommst.
Liebe Grüße, Jessica
Vielen lieben Dank!
Es ist ein echt sehr spannendes Thema und hier auch treffend und unterhaltsam dargestellt.
Der Graben zwischen Klassik und Popgesang ergibt sich, wie schon von Jessicas Antwort auf Oles erste Frage, einfach dadurch, da Pop von dem ganz individuellen Ansatz und der Persönlichkeit lebt, Klassik aber eine allgemein gültige und über mehrere Jahrhunderte gewachsene Methode hat. Also nach meiner Erfahrung, ist diese grundlegende Methode einfach nicht weg zu denken, das ist Physik. Man bedenke dass es hier von Anfang an nicht die Verstärkung des Mikrofons gibt. Wie man jetzt individuell auf Talente, Rohdiamanten und ausdrucksstarke Naturstimmen eingeht, das hängt von der Fachkompetenz des Lehrers ab. Ich hatte das Glück als Quereinsteiger von der Popbühne in die Gesangspädagogik einzusteigen. Ohne ein Studium, aber mit der Qualifikation und der vielen Erfahrungen die man als Sänger in der bunten Popwelt so machen kann. Schöne und weniger schöne.
Fazit: die Lehrkraft muss dass selbst leben. Es darf eben kein verkopfter Unterricht sein.
Ich liebe es auf Übungen aus der klassischen Methode zurück zu greifen, weil sie eben das Instrument, die Stimme sehr gut vorbereiten kann. Die Mentalität und Psychologie und die Kompetenz diese in den Unterricht gut einzubinden, haben mehr mit dem Lehrer selbst zu tun. Dafür sollte man ein GesangslehrerIn und Einzelunterricht aufsuchen.
Emanoil, vielen Dank, dass du von deinen Erfahrungen berichtest. Ich stimme mit dir überein, es ist eine spannende Angelegenheit und wenn man wie du und ich crossover unterwegs ist, braucht es wirklich einen Lehrer, der vorurteilslos, aufgeklärt und einfühlsam ist. LG Jessica