Selbsteinschätzung deines Gesangs – Erkenne deine Stärken und Schwächen

Jeder Sänger möchte wissen, wie gut er oder sie ist. Doch nicht jeder kennt einen erfahrenen Sänger oder Vocal Coach, den er um eine ehrliche Meinung bitten kann. Kann man das allein herausfinden? Um die Selbsteinschätzung deines Gesangs soll es heute gehen.

 


Hinter “Wie gut bin ich?” steckt die Frage

“Verbessere ich mich? Wie kann ich das abschätzen? Bin ich auf dem richtigen Weg?” (D. Brian Lee, “Sane Singing”)

 

Dieses Erkunden und Begutachten, ob dein Tun Früchte trägt, ist besonders wichtig, wenn du autodidaktisch singen lernst. Doch auch Sänger mit regelmäßigem Vocal Coaching profitieren davon.

 

Die Selbsteinschätzung deines Gesangs bietet dir einige Vorteile:

  • Du erkennst die Stärken und Schwächen deiner Stimme.
  • Du schulst dein Gehör, kleinste Veränderung zu hören.
  • Du hörst objektiv und unvoreingenommen zu.
  • Du trainierst zielgerichteter.
  • Du siehst, wo du stehst, wie kurz oder lang der Weg noch ist und wie du schneller an dein Ziel kommst.

 

Die Ausgangsfrage zur Selbsteinschätzung deines Gesangs

Starte deine Beobachtung mit dieser Frage:

 

Kannst du die Songs singen, die du singen möchtest?

 

Du bestimmst den Weg, den du als Sänger gehst. Falls du die Frage also mit “Nein.” beantwortest, geh auf Ursachenforschung. Was hält dich zurück? Was kannst du nicht, das in diesen Songs nötig wäre?

Nimm das Steuer in die Hand. Vertrete deine eigenen Ziele und Interessen. Niemand kann das so gut wie du.

 

Die Checkliste

Weiter unten findest du eine Liste mit stimmlichen Fähigkeiten, auf die du achten solltest, wenn du deine Stimme selbst überprüfen möchtest.

Du kannst die Checkliste auf 2 Arten bearbeiten:

Erstens, du benutzt Gesangsübungen. Verwende am besten immer wieder dieselben, um dich objektiv vergleichen zu können.

Zweitens, du benutzt Songs. Sie sind der Ernstfall für Sänger und damit eine aussagekräftige, aber subjektivere Methode. Aussagekräftig, weil du mit Songs auftrittst, nicht mit Gesangsübungen. Subjektiver, weil du nicht bei jeder Selbsteinschätzung den selben Song singen wirst. Verwende Aufnahmen statt live zu singen, um so viele Details wie möglich mitzubekommen und damit du zurückspulen kannst, falls du etwas nicht deutlich genug gehört hast.

 

Die Checkliste zur Selbsteinschätzung deines Gesangs

Atmung

Kommst du außer Atem? Hörst du geräuschvolles Einatmen – und findest du, es passt zum Song oder stört es? Kannst du lange Noten stabil aushalten – oder fangen sie an zu wackeln?

Dynamik

Wie laut und wie leise kannst du singen? Ist dein Lautstärke-Spektrum breit genug – oder sind die leisen Töne nicht leise genug und die lauten nicht laut genug? Hören und fühlen sich die Lautstärken gut an? Reicht dir dein Spektrum an Lautstärke für die Songs, die du singst?

Dynamikveränderungen

Wie gut kannst du ausgehaltene Töne leiser oder lauter werden lassen? Funktioniert es reibungslos, d.h. gleitend, oder holpert es, d.h. in hörbaren Stufen?

Flexibilität

Wie gut kommst du mit schnellen Notenwerten, sogenannten Riffs und Runs, klar? Wie gut kommst du mit abrupten Tonhöhenwechseln klar, wenn Töne mehr als eine Terz auseinander liegen? Und wie sicher navigiert deine Stimme schnelle Registerwechseln? Stimmt dabei die Intonation? Bleibt dabei der Rhythmus der Melodie korrekt? Bleibst du im Tempo? Oder überspringt die Stimme einzelne Töne, verliert das Tempo oder vereinfacht den Rhythmus?

Intonation

Die Fähigkeit, die richtigen Töne zu singen und in einem Song in der gewählten Tonart zu bleiben, ist objektiv gut messbar. Das ist sicherlich ein Grund, warum sich auch Nicht-Sänger in diesem Punkt ein Urteil über Sänger erlauben. Schlecht genug intoniert hört das Jeder. Dementsprechend brutal können Bemerkungen in diesem Bereich ausfallen.

Versuche trotzdem, freundlich zu dir selbst zu sein. Jeder hat mal einen schlechten Tag.

Wenn deine Intonation jedoch regelmäßig zu wünschen übrig lässt, solltest du diesen Aspekt definitiv berücksichtigen.

Wie gut triffst du die Töne? Klingen bestimmten Töne oder bestimmte Bereiche zu hoch oder zu tief? Ist das ein generelles, regelmäßiges Problem beim Singen? Oder taucht es nur in bestimmten Szenarien auf – z.B. in Registerwechsel-Bereichen, bei langen Tönen, bei besonders kurzen Tönen, in der Höhe oder Tiefe, bei großen Tonsprüngen?

Qualität der Töne

Wie klingen deine Töne? Sind einzelne Töne hauchig oder gepresst, klar oder rau? Wie lang oder kurz klingen sie? Magst du den Klang deiner Stimme im Allgemeinen? Magst du sie besser bei bestimmten Songs oder in bestimmten Genres?

Register

Wie gut sind deine Register entwickelt? Hast du ein generelles Problem mit einem oder mehreren Registern? Hast du sie in deinen Songs bewusst gewählt – z.B. weil die sanfte Kopfstimme besser zu einem melancholischen Song passt?

Wie leicht fällt dir der Übergang zwischen ihnen? Wie sicher kannst du zwischen ihnen wechseln? Kannst du nur auf eine bestimmte Art wechseln – z.B. nur sanft oder nur als Bruch? Fühlst du dich wohl dabei oder vermeidest du bestimmte Töne? Ist deine Art des Registerübergangs eine bewusste, musikalische Entscheidung in diesem Song gewesen? Oder kommt der Bruch, wann er will, egal ob du willst?

Damit hängen auch die Tonarten deiner Songs zusammen. Wählst du unter Umständen zu tiefe oder zu hohe Tonarten, weil du Probleme mit den Registern hast? Schafft das wiederum andere Probleme, z.B mit der Resonanz oder der Intonation?

Resonanz

Die Resonanz wird am Klang der Vokale gemessen. Ganz deutlich hörst du das, wenn du unterschiedliche Sprachen und Dialekte vergleichst. Bei einem Italiener, der “Mamma mia!” ausruft, klingen die A-Vokale hell, schrill und resonanzreich. Bei einem Bayern, der “Joa, Himmelsakra nochermol.” ausstößt, klingen die A-Vokale dunkel, warm, und resonanzarm. Beides ist in Ordnung, vor allem wenn du in deinem eigenen Dialekt singst.

Im Allgemeinen nimmt der Zuhörer aber einen resonanzarmen Klang selten als warm, sondern viel mehr als gelangweilt oder kraftlos wahr.

Wie weit hinten in der Kehle singst du, und wie weit vorn? Wie dunkel oder hell klingt deine Stimme? Wechselst du auch mal die Resonanz – ob bewusst oder unbewusst – oder bleibt sie immer gleich? Und welche Eindruck vermittelt deine Stimme dadurch?

Stimmkraft

Wie klingst du allgemein? Klingst du lebhaft? Klingst du schwach und kraftlos? Oder angestrengt, als würdest du viel zu viel Power geben?

Stimmumfang

Das wohl bekannteste Vergleichsmittel, das Menschen benutzen, um Sänger zu vergleichen – und jeder Sänger möchte eine tolle Stimme mit einem großen Umfang für all die Songs, die er singen möchte.

Unterscheide dabei zwischen dem Gesamtumfang und dem nutzbaren Umfang. Der Gesamtumfang bezeichnet alle Töne, die du in welcher Qualität auch immer produzieren kannst. Der nutzbare Umfang sind dagegen die Töne, die du komfortabel und selbstbewusst singen und in Songs verwenden kannst. In der Regel ist der nutzbare Umfang kleiner als der Gesamtumfang.

Wie hoch und wie tief kannst du singen? Wie hören sich diese hohen und tiefen Töne an? Wie hast du dich körperlich gefühlt, diese hohen und tiefen Töne zu singen? Wie stabil sind die Töne?

Und die wirklich wichtige Frage:

Wie gut dient dein Stimmumfang den Bedürfnissen deiner Songs, die du singst und in Zukunft singen willst, und deinen Zielen? Ermöglicht dein nutzbarer Umfang deine Ziele? Oder verhindert er sie? Was hält dich evtl. davon ab, deinen Stimmumfang zu erweitern?

Am besten kannst du das in einer Gesangsübung feststellen. Setz dich ans Klavier. Sing einen bequemen Ton in deiner Sprechlage und finde ihn auf der Tastatur. Dann geh Taste für Taste nach unten und singe die Töne nach, bis nichts mehr kommt. In die Höhe gehst du genauso. Oder benutze einen Track.

Textverständlichkeit

An anderen Stellen im Blog habe ich bereits angemerkt, dass der Text für mich persönlich und in meiner Arbeit als Vocal Coach extrem wichtig ist. Unter allen Musikern haben nur Sänger diese zusätzliche Komponente.

Wie verständlich ist der Text? Nuschelst du oder singst übertrieben deutlich?

Singst du in einer Sprache, in der du dich wohl und zuhause fühlst? Passt deine Aussprache zur Sprache – oder singst du z.B. Englisch mit deutschem Akzent?

Wenn dir deine Aussprache nicht gefällt, frage dich, was dich davon abhält, anders zu sprechen?

Tonveränderungen

Wie gut kommst du von einem Ton zum nächsten? Geht es leicht und reibungslos? Klingst du abgehakt oder eierst du herum?

 

Die Zusammenfassung der Selbsteinschätzung deines Gesangs

Notiere deine Beobachtungen und Ergebnisse zu den oben genannten Punkten in deinem Sing-Journal.

Fasse zum Schluss deine Gedanken in einer Liste zusammen: Welche Themen tauchen immer wieder auf? Und verändern sich deine stimmlichen Herausforderungen mit der Situation oder mit dem Song? (Vielen Dank an Karyn O’Connor für diesen Zusatz!)

Konzentriere dich dabei nicht nur auf das Negative, auf deine Schwächen und Herausforderungen …

… sondern mach auch eine Liste des Positiven, mit deinem Stärken, was du gut machst, was dir gefällt und was dich vielleicht ein bisschen einzigartig macht.

Durch regelmäßiges Gesangstraininung wirst du besser im Singen. Durch Hörtraining und das Kennenlernen deiner Stimme wird deine Selbsteinschätzung deines Gesangs zunehmend besser.

Viel Erfolg!

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