Fang nicht immer von vorn an!
Wer irgendwie trainiert, wird irgendwie Ergebnisse erzielen. Möchtest du weitermachen wie bisher – mit allen Konsequenzen, die du schon kennst? Oder möchtest du endlich konkrete Verbesserungen sehen? Dann fang nicht immer wieder von vorn an zu üben!
Pass auf, wir beginnen von vorne, da fängt man am besten an
So fängt der Musicalsong “Do Re Mi” aus “The Sound of Music” an. Leider fangen auch immer noch zu viele Sänger genau so an, wenn sie ihre Songs trainieren.
Für Songs, die aber noch nicht richtig sitzen, ist das jedoch der falsche Ansatz.
“Gerade Songs, die man so halb kennt, haben die größte Versuchung, ihn einfach so durch zu singen. Weil man ihn ja irgendwie kennt. Aber dann doch nicht.” (Sylvia Lee)
Singen ist nicht üben.
Beim Singen genießt du die Musik. Schaust vielleicht, ob Abläufe und Übergänge stimme. Oder probierst die Dynamik am Mic damit aus, damit im Auftritt alles klappt.
Beim Üben beseitigst du konkret Problemstellen. Das Ziel? Deine Stimme verbessern und bessere Kontrolle über ihre Fertigkeiten erlangen.
Es ist wie beim Lesen. Wenn du einen Satz nicht verstanden hast, was wiederholst du dann? Den Satz? Oder beginnst du am Absatz erneut? Oder startest du das Buch, den Artikel ganz von vorn?
Also, möchtest du irgendwie Üben, anspruchslos Wiederholen, stumpf Abspulen?
Oder möchtest du deine stimmlichen Herausforderungen meistern?
Dann musst du deinen Fokus schärfen.
Wo fühlst du dich im Stück noch nicht so wohl?
Dieser Satz von Linda Langeheine aus ihrem Buch “Besser üben – mit Vergnügen” beschreibt genau, wie du stumpfes „Immer wieder von vorn anfangen“ vermeiden kannst.
Wie du smarter üben kannst.
Genau da, wo es weh tut – genau an der Problemstelle – solltest du beginnen.
Und das ist oft scary.
Mitten im Song. Mitten in der Strophe. Direkt beim hohen Ton. Genau bei dem Rhythmus, der dich immer ins Stolpern bringt.
“Was ich auf jeden Fall nicht mache: Ich singe ihn nicht ständig von vorne bis hinten durch. Sondern ich konzentriere mich auf die Stellen, die nicht klappen oder schwer sind.” (Sylvia Lee)
Weiche nicht vor der Arbeit zurück!
Stell dich deinen schlimmsten Tönen, deinen grausigsten Rhythmen, deinen zungenbrecherischen Textstellen.
Identifiziere zuerst diese Stellen. Die Schweizer-Käse-Methode hilft dir dabei.
Isoliere, was dich konkret an dieser Stelle herausfordert. Singen ist komplex. Da ist der Beat, das Tempo, die Atmung, die Töne, die Register und Klänge, der Text, der Rhythmus, der Ausdruck. All das will koordiniert werden.
Dann trainiere sie.
Wähle ein langsames Tempo, zähle dich ggf. ein (“1 2 3 4”) und übe nur diesen einen Aspekt.
- Rhythmus zum Beispiel musst du nicht singen – du kannst ihn klatschen.
- Text kannst du erst einmal sprechen – und so Zunge und Unterkiefer Zeit geben, sich um alles herum zu winden – bevor du ihn singst.
- Tonhöhen kannst du zunächst ohne Rhythmus und/oder Text singen – und dich so auf die Intonation konzentrieren. (Ohne Text empfehle ich, wenn du die Noten vor Augen hast. Rein vom Gehör her zu üben, da brauchen die meisten Sänger den Text, um zu wissen, wo sie sind und einen Vorsänger, der die richtige Melodie kennt.)
Wenn es besser klappt, integriere es wieder in den Song. Schalte den Song oder Karaoketrack an, wähle mit einer App ein langsames Tempo und die passende Tonart aus (das geht zum Bespiel mit Anytune), und dann sing die Stelle.
Klappt das ohne Probleme?
Falls nein, dann nochmal zurück zur Isolation.
Falls ja, auf zum nächsten Schritt. Erhöhe das Tempo, bis du ohne Schwierigkeiten in deinem Endtempo singen kannst.
Die Kurzfassung:
- identifiziere
- isoliere
- trainiere
- integriere
Wie ich auf diese Art übe
Im Song “The Joke” von Brandi Carlile gibt es in den Strophe einige Rhythmen, die mir fremd sind. “Don’t ever let them steal your joy” – “steal” kommt nicht so schnell, wie ich denke, “them” wird gedehnt. “Trying to hide inside of it” – “of” kommt kurz und knackig vor dem nächsten Schlag. “River to beat the stream” – “beat” ist gedehnt, aber “stream” ist die nächste Und, nicht “the”, das muss irgendwie dazwischen.
Ich arbeite mit Noten und so greife ich mir die Takte heraus. Spreche erst einmal den Text, damit meine Zunge sich an die Bewegungen gewöhnt.
Das Originaltempo ist 76 BMP. For good measure wähle ich 50 BMP und klatsche den Beat inklusive der Und’s.
Jetzt spreche ich den Text und versuche, alle Silben richtig zu verteilen. Beim ersten herausfordernden Satz ist das: “ev” von “ever” auf den Beat, “let” auf die nächste Und, “them” gehalten bis zum nächsten Beat, “steal” auf Und, “your” auf den Beat.
Wenn das im langsamen Tempo klappt, dann sing ich die Zeile in diesem Tempo.
Das Nur-Sprechen und Singen wechsle ich ab, während ich zum Schluss das Tempo auf 76 BMP erhöhe.
Der selbe Song, ein anderes Problem. Im Refrain führt eine krasse harmonische Wendung zu einem harmoniefremden Ton in der Melodie bei “I have been to the movies” sowie zu einer fiesen große Septime bei “and the joke’s”.
Zunächst mach ich mich mit der harmonischen Umgebung vertraut. Ich spiele mehrmals die Akkorde am Klavier und konzentriere mich auf den Akkord vor den schwierigen Tönen (D-Durt), den Akkord, der dort direkt kommt (Fis-Dur), und den nachfolgenden Akkord (G-Dur).
Dann schaue ich, wie die Töne mit den Akkorden in Verbindung stehen. Beim D-Dur-Akkord pendelt die Melodie zwischen fis und a hin und her. Das a erhöht sich kurz vor dem Fis-Dur-Akkord zu ais, und wandert dann weiter zu h im G-Dur-Akkord.
Im Grunde geht es also um die Verbindung von a (D-Dur) zu ais (Fis-Dur) zu h (G-Dur). Diese drei Töne singe ich ein paar Mal, während ich die dazugehörigen Akkorde spiele.
Wenn sich das nicht mehr fremd anfühlt, versuche ich die Melodie zu singen. Besonders achte ich auf die Drehung von a zu ais.
Die fiese große Septime ist dann auch nochmal überraschend.
- Erstens dreht sich die Harmonie erneut, von G-Dur nach G-Moll.
- Zweitens sind angesprungene Septimen nie nice.
- Drittens hat der Septimton selbst überhaupt nicht die melodische Funktion, die ich von einer Septime erwarte – nämlich in den Grundton zu führen. Diese hier führt aber in die Quinte des Akkords.
Ich könnte die Septime umgehen, wenn ich “and” höher singen würde, z.B. auf demselben Ton wie “the”. Aber die Stelle ist hoch (d4 zu c5 zu d5) und der Höhepunkt des Refrains (ergo, er braucht Kraft). Auf c5 mit Belting einzusetzen und das Belting dann noch für die gesamte Phrase durchzuhalten, finde ich schwieriger, als die Septime zu lernen. Zumal “and” jetzt nicht das wichtigste Wort ist, nur eine Nebensilbe, und damit gebeltet von dem musikalischen Gewicht bei “joke’s” ablenken würde.
Also übe ich stattdessen die einzelnen Töne. Ich gebe mir am Klavier d4 und c5 vor und singe sie mehrmals nacheinander. Dann nehme ich das d5 dazu und singe die Kette d4-c5-d5. Atmung und Register müssen natürlich ebenfalls passen, damit das Belting später klappt.
Danach nehme ich wieder das Klavier zu Hilfe und spiele G-Dur und G-Moll, während ich die Stelle mehrmals singe. Denn eine Melodie steht niemals allein. Sie ist immer eingebettet in eine Harmonie. Und die hilft dir manchmal und manchmal steht sie der Melodie bewusst im Weg.
Auf diese Art isoliere ich Probleme, übe sie konkret und integriere sie anschließend wieder in den Song.
Ich weiß, es liest sich, als würde das ewig dauern. Wer das noch nie gemacht hast, wird dafür auch Zeit brauchen. Für mich war jede der drei Sachen ca. 5 Minuten Arbeit. Aber ich hab das auch schon hunderte Male gemacht. Wenn du das hundert Mal machst, wirst du auch schneller.
Fazit
Nimm dir die Zeit und bearbeite deine Problemstellen direkt. Trainierst du irgendwie, wirst du irgendwie Ergebnisse erzielen. Aber niemals den Erfolg, den du dir wünschst. Also schärfe deinen Fokus.
Welche Herausforderung wirst du heute direkt angehen?

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Haragayato, https://en.wikipedia.org/wiki/File:Kintugi.jpg, CC BY-SA 4.0
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