Was hast du gesagt? Wie du die Aussprache beim Singen verbessern kannst
Die Aussprache ist einer der Aspekte, die das Singen so spannend machen. Sie unterscheidet sich deutlich von der beim Sprechen. Deshalb trainiert jeder Sänger seine Artikulation, denn bereits mit ein wenig Aufmerksamkeit und Zeit kann sich ein begeisterter Badewannensänger in einem passablen Karaokesänger verwandeln – und das alles allein über die Aussprache.
Die Aussprache beim Singen – Was ist anders?
Wie du Wörter singst unterscheidet sich davon, wie du sie im Alltag aussprichst. Der Populargesang stellt dabei im Wesentlichen 2 Anforderungen:
Die gesungene Sprache soll natürlich klingen. Das bedeutet, dass sie der gesprochenen Sprache möglichst nahe kommen soll. Weder Vokale noch Konsonanten bekommen ein besonderes Gewicht. Das scheint nicht richtig anspruchsvoll zu sein, denn wir reden ja täglich.
Die gesungene Sprache soll Klang transportieren. Das geschieht vor allem mithilfe der Vokale und der Halbklinger- und Klinger-Konsonanten, die jedoch weniger laut und deshalb weniger wichtig sind. Lange Noten fordern lange Vokale. Ist der Vokal zu kurz, verschwindet der Ton und die Note ist zu kurz.
Bestimmt fällt dir auf, dass sie diese beiden Bedingungen widersprechen. Auf der einen Seite soll alles so bleiben, wie du es vom Sprechen gewöhnt bist. Auf der anderen Seite soll der Klang verbreitet werden, was nur geschieht, wenn die Vokale mehr Gewicht als die Konsonanten bekommen. Eine Zwickmühle?
Aber die Popmusik wäre nicht die Popmusik, wenn nicht gelten würde: “anything goes”, alles ist erlaubt. Wie sehr du also möglichst natürlich und sprachnah klingen möchtest, oder wie sehr du Wert auf viel Klang legst, ist deine Entscheidung. Sie hängt von deinen persönlichen Vorlieben, deinen Hörgewohnheiten und dem Stil ab, in dem du singst.
Zudem verlangt der Gesang, dass die Artikulationswerkzeuge besser arbeiten als beim Sprechen. Lippen, Zunge, Gaumensegel und Zunge müssen flexibler sein und unabhängig von einander funktionieren. Sonst verknotet sich deine Aussprache bei “give it away, give it away, give it away now”.
Wann du deine Artikulation trainieren solltest
Nicht jeder Sänger hat Probleme mit der Aussprache beim Singen. Wenn folgende Probleme aber häufiger auftreten, solltest du sie trainieren, um deine Entwicklung als Sänger nicht zu behindern:
- Du kommst bei Songs, die viel Text in kurzer Zeit wegsingen, nicht hinterher und musst sie deshalb langsamer singen. Z.B. “Read all about it” von Emeli Sandé oder “Try” von Colbie Callait.
- Deine langen Töne fangen zwar toll an, aber am Ende klingen sie deutlich anders als zu Beginn – und es liegt nicht an der Intonation oder der Atmung.
- Deine Stimme klingt nicht so, wie du es dir wünschst. Grundsätzlichere Dinge wie Atmung, Haltung oder Register sind nicht die Ursache.
- Das Publikum sagt dir, dass es deine Texte nicht versteht.
Ganz allgemein gesprochen
Fürs Erste kannst du darauf achten, dass du die Wörter beim Singen richtig aussprichst. Das ist besonders wichtig, wenn du in einer Fremdsprache singst. Und ja, das bedeutet, dass du manchmal einen Blick ins Wörterbuch riskieren solltest. Dort ist die Aussprache mithilfe des Internationalen Phonetischen Alphabets (IPA) dargestellt. In Kombination mit dieser Wikipedia-Seiten für Deutsch und Englisch kannst du Unsicherheiten schnell aufklären. Alternativ kannst du auch ein Online-Wörterbuch benutzen, wo du dir die Wörter anhören kannst.
Wenn du dir unsicher bist, hör einer Aufnahme des Originalkünstler zu. Eine generelle Idee von der Fremdsprache wirst du sicherlich haben. Achte deswegen vor allem auf die Details, z.B. wie deutlich die Konsonanten artikuliert werden, ob Endsilben verschluckt werden, ob die Vokale rein sind oder mit anderen Vokalen gemischt wurden, ob Konsonanten stimmhaft oder stimmlos sind, oder wie die Wörter miteinander verbunden sind.
Nimm dir Zeit und sprich zunächst den Text eines neuen Songs. Versuche, die Vokale und Konsonanten so zu formen, wie du sie beim Originalkünstler hörst. Auf diese Weite kannst du stimmschonend die offensichtlichen Unklarheiten und verknoteten Zungen bereits beheben. Eine detaillierte Anleitung dazu findest du in Karyn O’Connors Video “How To Erase Your Accent When Singing in English”.
Die Vokale sind das A und O
Achte einmal auf den Klang deiner Vokale, während du singst. Das geht am einfachsten, wenn du dich mit dem Handy oder einem Aufnahmegerät aufnimmst. Anschließend hörst du dir die Aufnahme möglichst objektiv an. Schließe bitte deine Augen und frag dich:
- Verstehst du den Text?
- Hast du Silben verschluckt, Endungen zu früh abgebrochen, oder Buchstaben wenig oder gar nicht artikuliert?
- Bleibt der Vokal bei langen Tönen stabil?
- Bleibst du bei Diphthongen lang genug auf dem ersten Vokal stehen?
Damit bekommst du eine erste Einordnung, was du mit den Vokalen während des Singens überhaupt tust. Denn erst dann weißt du, was du verbessern möchtest, weil es dir nicht gefallen hat.
Meine Aussprache ist ja ganz wild!
Wenn du häufiger „Agate Bauer“ statt „I got the power“ verstehst oder allgemein Probleme mit der Artikulation hast, dann hilft es nur, dich erst einmal allein auf die Sprache zu konzentrieren.
Sprich den Text langsam und deutlich aus. Achte darauf, Silben zu verbinden, die ein Wort bilden und die Wörter korrekt auszusprechen.
Wenn das klappt, schau, wie du die Wörter sprechend flüssig verbinden kannst. Beim Singen spielt deine Atmung eine zentrale Rolle. Machst du Pausen zwischen den Wörtern, dann kann deine Atmung nicht fließen. Übe also, Teilsätze und Sätze in einem Rutsch auszusprechen. Das ist gleichermaßen ein Training deiner Artikulationswerkzeuge als auch deiner Ausatmung. Beides sollte flüssig aus dir heraus kullern.
Solltest du Probleme mit den Vokalen haben, kannst du erst einmal nur die Vokale sprechen. Das erfordert viel Konzentration, aber es trainiert deine Zunge, deine Lippen und deinen Unterkiefer darauf, dem Klang nicht im Weg zu stehen. Übe die Vokale in genau der Reihenfolge, in der sie auch im Text vorkommen: “A-I-I-O-OE-I-OE-I-E-E” (“da sind Millionen Lichter in der Welt”).
Stück für Stück nimmst du dann wieder die Konsonanten dazu, bist du wieder den richtigen Text sprichst. Die Vokale sollten sauber klingen und die Konsonanten den Klang nicht zerhacken.
Wenn das alles im Sprechen funktioniert, wendest du es beim Singen an. Achte auf eine fließende Verbindung der Wörter auf den Tönen – es sei denn, der Song verlangt sehr kurze und abgeschnittene Töne. Dann muss die Artikulation sich natürlich genauso verhalten.
Meine Buchstaben sind weg!
Hörst du öfter “gen” statt “ge-(h)-en” und “biln” statt “bil-den”, dann verschluckst du Buchstaben oder Silben.
Um dieses Problem zu lösen, sprich den Text langsam und achte darauf, die verschluckten Wortanteile hörbar auszusprechen. Je nachdem, mit welchem Dialekt du aufgewachsen bist, fällt dir das leichter oder schwerer.
Wenn es beim Sprechen klappt, übertrag es aufs Singen. Achte trotz der Ablenkungen durch Tonhöhen, Lautstärken und die Begleitmusik darauf, deutlich zu artikulieren.
Mein Vokal bleibt nicht da, wo er bleiben soll!
Wenn sich der Vokal während eines langen Tons verändert (aus AAAAAA wird AAAAOOU), versuche deinen Unterkiefer offen zu lassen, während du die Note aushältst. Hier kann eine Videoaufnahme Klarheit schaffen. Falls der Unterkiefer sich schließt, obwohl du das gar nicht willst, wende den Korken-Trick an.
Meine Diphthonge klingen ja schrecklich!
Doppelvokale sind eine echte Last beim Singen. Sie müssen sich nämlich ganz anders verhalten als beim Sprechen. Wenn du redest, verweilst du bei Diphthongen wie “Ei” (gesprochen: A-I) auf beiden Vokalen gleich lang. Wenn du singst, führt das jedoch zu folgendem Szenario: MA-IIIIIIIIIIIIIII-NOE (das Wort “meine”).
Ruf dir bitte den Anfang des Refrains von Whitney Houstons Hit “I Will Always Love You” ins Gedächtnis. Was hörst du? Genau: “And AAAAAAAAAAAAAA-I-AAA-I will always love you.” Sie macht es richtig – der erste Vokal eines Doppelvokals wird im Gesang langgezogen, der zweite kommt relativ kurz und spät vor der nächsten Silbe. Das erste “I” in Whitneys Sound ist übrigens der Tonhöhe geschuldet. Es hat mit der Behandlung von Diphthongen nichts zu tun. Das zweite “I” am Ende des Worts singt sie dann so schwach, dass ich es im Originaltempo fast nicht höre.
Übe also vorerst, den Text so zu sprechen, dass du Diphthonge sängerisch aussprichst: der erste Vokal lang, der zweite so kurz und so spät wie möglich. Nach dem Sprachtraining überträgst du es anschließend auf den Gesang.
Die Konsonanten verbessern
Häh? Hab ich nicht gerade geschrieben, dass die Vokale das Wichtigste beim Singen sind? Warum solltest du dann an den Konsonanten arbeiten? Das macht doch gar keinen Sinn.
Stop.
Für den Großteil der Sänger ist die Arbeit an den Vokalen wirklich wichtig. Die Genres, die sie singen, verlangen mehr Stimmklang als ihre Sprechstimme von Natur aus produzieren will. Die Sänger machen dadurch wesentliche Fortschritte und das Publikum liebt den verbesserten Klang. Alles gut.
Doch es gibt Ausnahmen.
Sänger, die gerade wegen ihrer unvollkommenen Vokale bzw. ihrer perkussiven Aussprache berühmt geworden sind: Herbert Grönemeyer, Udo Lindenberg, Nina Hagen, Till Lindemann (Rammstein), Kip Moore, Wes Scantlin (Puddle of Mudd), Kurt Cobain (Nirvana). Es ist schlicht ihr Personalstil. Die Art, wie sie singen, gefällt ihnen, inklusive aller Makel.
Rapper leben vom und für das Sprechen zur Musik.
Beatboxer nutzen die geräuschhaften Anteile der Sprache für ihr vokales Drumset.
Im Jazz ist die gleichwertige Nutzung von Vokalen und Konsonanten zur Klangübertragung wichtig. Egal, wie schnell oder langsam ein Song ist, alle Elemente der Sprache sind wichtig. Im Swing gilt ähnliches.
Balladen gewinnen ebenso an Ausdruck, wenn du die Konsonanten darin clever betonst. Was meine ich damit?
Während Rapper, Beatboxer und Sänger mit starkem Personalstil machen, was sie eben machen, ist die Arbeit an den klingenden Konsonanten für Jazzer und Balladensänger ganz allgemein hilfreich. Lass mich zuerst einmal klären, von welchen Konsonanten ich hier spreche, bevor ich dir erkläre, warum die Beschäftigung damit so wichtig ist.
Folgende klingende Konsonanten fallen einem zuerst ein:
- m (“Mond”, “meiden”; “momma”, “someday”)
- n (“Nase”, “Nacht”; “nice”, “new”)
Darüber hinaus gibt es noch:
- deutsches w (“Wasser”, “Vanille”; “vocal”)
- englisches w, das berühmte “double u” (“wheels”, “wonder”, “would”)
- j (“Jot”; “yarn”)
- l (“Land”; “lived”, “listen”)
- s (“summen”; “zero”)
- sch (“Genre”; “jelly”)
- dz (“Dschungel”; “jungle”, “jump”, “gem”)
- ng (“Hunger”, “lang”; “sing”)
Und dann hat die englische Sprache noch diese:
- th (“they”, “then”)
- r (“right”, “hour”)
Diesen Konsonanten gibst du etwas mehr Stimmklang mit. Stell dir vor, du hast gerade einen Bissen von deinem Lieblingsdessert genommen. Es schmeckt so gut, dass du vor Freude dabei summst. Genau das meine ich mit “gib dem Konsonant mehr Stimmklang”.
Das wirkt deshalb so gut, weil dein Publikum diesen Stimmklang normalerweise nur selten hört. Du musst sehr nah bei einem Sprecher oder Sänger stehen, um es überhaupt zu hören. Je näher du dran bist, umso besser hörst du es. Der Bereich umfasst, je nach Lautstärke des Klangs, maximal 1 Meter – also der Bereich, in dem sich nur gute Freunde, engere Familienmitglieder, dein Partner oder deine Kinder aufhalten.
Wendest du diese Technik im Jazz oder in Balladen an, wenn du mit einem Mikrofon singst, dann suggerierst du deinen Zuhörern Intimität und vertraute Nähe. Gemessen daran, wie intensiv sich Sänger bei anderen Techniken zur Ausdruckssteigerung mit den Texten und den Arrangements auseinandersetzen müssen, ist die Beschäftigung mit den klingenden Konsonanten super einfach. Meine Sänger verstehen das Prinzip in 2 Minuten und haben nach weiteren 5 Minuten die ersten 1-2 Abschnitte trainiert.
Fazit
Die Artikulation ist ein wesentliches Element im Gesang, denn Sänger (und Rapper und Beatboxer) sind die einzigen Musiker, die Sprache als Teil des musikalischen Ausdrucks nutzen. Es lohnt sich also, deine Aussprache beim Singen hin und wieder zu überprüfen und gegebenenfalls zu korrigieren. Deine Mitmusiker und deine Zuhörer werden es dir danken.

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