Popgesang oder klassischer Gesang – Teil 1: Was ist was?

Sänger haben die Wahl: Popgesang oder klassischer Gesang? Was haben sie gemeinsam? Wo unterscheiden sie sich? In dieser 3-teiligen Artikelserie lege ich beide unter das Mikroskop, damit du weißt, was Sache ist.

Im ersten Teil geht es darum, was Popgesang und klassischer Gesang eigentlich sind und wo sie herkommen. Damit du weißt, worauf du beim Anhören von Sängern und bei der Auswahl deines Gesangsunterrichts achten kannst.

 

Teil 2: Die Gemeinsamkeiten | Teil 3: Die Unterschiede | Teil 4: Hörbeispiele

 

Was ist klassischer Gesang?

Klassischer Gesang ist die akzeptierte Gesangsform in der klassischen Musik. Du kannst ihn in der Oper und Operette, im Theater, in Liederabenden und auf den einschlägigen Radiostationen hören.

Stellvertretend für die zahlreichen namhaften Sängerinnen und Sänger, Komponisten und Werke zeige ich dir eine Aufnahme der Mezzosopranistin Joyce DiDonato, die die Arie des Cherubino „Voi che sapete“ aus der Oper „Die Hochzeit des Figaro“ von Wolfgang Amadeus Mozart singt.

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Die Wurzeln des klassischen Gesangs

Klassische Musik hat ihren Ursprung in Europa. In mittelalterlichen Klöstern entwickelte sich die Gregorianik. Zeitgleich spielten und sangen Musiker weltliche Lieder in Städten und auf Burgen.

Im 16. Jahrhundert gewinnt das weltliche Leben und damit die weltliche Musik allmählich die Oberhand. Dort entwickelte sie sich unter dem Einfluss der Monodie, dem einstimmigen begleiteten Gesang, weiter.

Im 17. Jahrhundert entstanden in Italien die ersten Opern. Mit ihnen trat der klassische Gesang seinen Siegeszug in Europa an – bis heute übrigens vornehmlich auf Italienisch. Weitere wichtige Sprachen sind Deutsch, Französisch, Englisch und Russisch. Im 18. und 19. Jahrhundert wollte das aufkommende Bürgertum ebenfalls an der Musik der herrschenden Elite teilhaben. So verlagerte sich der Schwerpunkt erneut – vom höfischen Ballsaal in den bürgerlichen Salon. Die barocke, klassische und romantische Epoche waren zugleich die Blütezeit der Klassik.

Die beiden Weltkriege im 20. Jahrhundert stellten jedoch einen deutlichen Einschnitt in der Entwicklung dar.

 

Nicht nur für die Reichen und Schönen

Deine Ohren täuschen dich, wenn du davon ausgehst, dass klassischer Gesang schon immer Kunstmusik, für die Eliten oder gar gekünstelt war. Tatsächlich war er in der Blütezeit Unterhaltungsmusik. Was die Menschen zu Mozarts Zeit in der Oper und im Konzert hörten, sangen sie zuhause im Salon nach oder pfiffen es auf der Straße.

 

Ein paar Gesangsfakten

Klassischer Gesang wird mit einer Gesangstechnik gesungen, die diese Kunstform bedient. Sie wurde jahrhundertelang von Lehrern zu Schülern ausschließlich im direkten Unterricht weitergegeben. Diese Schüler waren dann erfolgreiche Sänger und fingen im Verlauf ihrer Karriere an, selbst zu unterrichten und ihr Wissen weiterzugeben.

Auf Standards konnte man sich auch damals nur schwer einigen. So gibt es heute noch verschiedene Ansätze, klassischen Gesang zu lehren. Exemplarisch möchte ich an dieser Stelle die Funktionelle Methode und die Bel Canto-Methode nennen.

 

Was ist Popgesang?

Eins gleich vorweg: Wenn ich von Popmusik spreche, kürze ich den Begriff „Popularmusik“ ab. Sie umfasst für mich deshalb alle anderen, nicht-klassischen Formen von Vokalmusik – Pop, Rock, Jazz, Blues, Gospel, Metal, Rap, Folk, Musical etc.

 

Stellvertretend für diese Vielfalt möchte ich an dieser Stelle „Don’t let me down“ von den Beatles zeigen, denn mit ihnen hat die Popmusik wie wir sie heute kennen angefangen.

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Wie Popgesang zu dem wurde, was er ist

Das Hauptaugenmerk des Popgesangs liegt auf dem Geschichtenerzählen. Gerade im nichtkommerziellen Bereich erfüllt Popmusik damit noch immer seinen ursprünglichen Zweck: Kommunikation.

Popmusik war die informelle Art, Musik zu machen. Die Menschen sangen bei der Feldarbeit und in der Fabrik, um sich die langen Arbeitsstunden zu verkürzen. Sie sangen zuhause im Kreis der Familie oder in der Kneipe, um die Gemeinschaft und Zusammengehörigkeit zu stärken. Sie sangen auf Festen zur Unterhaltung. Und in der Kirch als Ausdruck ihres Glaubens – außerhalb Europas vor allem spontan und nicht-reglementiert.

Der Gesang und die Musik entstanden aus der Situation heraus. Mit Texten, die den Sängern spontan einfielen oder die sie von anderen gelernt hatten. Jeder sang so, wie er wollte.

 

„Wo eine Opernarie sieben Minuten bräuchte, um „Er ist tot und ich liebe ihn“ zu sagen, könnte ein Popsong die Geschichte dreier Generationen in drei Minuten abliefern.“

Meredith Colby. „Money Notes. How to sing high, loud, healthy, and forever.“, S. 22. Wise Ink Creative Publishing 2017. Übersetzung: Jessica Pawlitzki.

 

Diese ungezwungenen Art zu musizieren wurde ab den 1920er Jahren zunehmend kommerzialisiert. Das zeigt sich besonders in den USA, wo es einen bruchlosen Austausch zwischen den Broadwaybühnen und den Radiosendern, und später auch den TV-Sendern, gab. Der Traditional Pop von Frank Sinatra und Co. wurde erst in den 1940ern und 1950ern allmählich vom Rhythm’n’Blues und Rock’n’Roll sowie in den 1960ern von der Beatmusik abgelöst.

 

Ein paar Worte zum Gesang

Popgesang ist ein sehr weites Feld. Der Gesangsstil reicht deshalb in einem bunten Spektrum von „ganz natürlich“ bis „hochgradig ausgebildet“.

In der Gesangsausbildung findest du deshalb eine beinahe unübersichtliche Fülle an Methoden. Die bekanntesten sind Estill Voice Training, Complete Vocal Technique, Speech Level Singing und The Four Pillars of Singing. Neue Ansätze wie die Neuro-Vocal Method und das syng:TRAINING kamen in den letzten Jahren hinzu.

Diese werden nicht mehr nur im direkten Unterricht gelehrt, wo sich Lehrer und Schüler gegenüber stehen. Das Internet bietet weitere Möglichkeiten des Pop-Gesangsunterrichts: Onlineunterricht (live oder aufgezeichnet), Workshops in unterschiedlicher Länge (ein paar Stunden bis zu einer ganzen Woche), DVD-Kurse und Bücher mit CD.

 

Sich ausbilden lassen oder nicht?

Ob ein Popsänger eine Gesangsausbildung braucht, hängt vom Genre und seinen Absichten ab.

  • Das Folk– und Bluegrass-Publikum liebt die Ungeschliffenheit einer unausgebildeten Stimme.
  • Deutsch-Pop mit Vibrato ist undenkbar.
  • Im amerikanischen Pop gehört die gewisse Portion Soul in der Stimme und damit verbunden auch Vibrato jedoch zum guten Ton.
  • Im Rock und Punk schlägt man sich tunlichst ohne Ausbildung durch – außer, die Musik verlangt Screams und Growls.
  • Im Jazz wird teils jahrelang die Improvisation trainiert. Zudem gibt es seit Jahrzehnten die Möglichkeit, Jazzgesang zu studieren.
  • Und im Musical ist eine Ausbildung sogar zwingend, um als Darsteller universell einsetzbar zu sein.

 

Die schwierige Gratwanderung ist es, trotz Ausbildung weiterhin unverstellt und dem Genre angemessen zu klingen. Die Kunstfertigkeit und harte Arbeit steckt trotzdem drin.

 

Fazit

Auf den ersten Blick wirken Pop und Klassik sehr verschieden. Sie unterscheiden sich in Ursprung und Entwicklung, dem künstlerischen Verständnis und den Ausdrucksformen bis hin zu den Methoden und dem Grad der Ausbildung.

Was diese beiden Arten zu singen vereint, erfährst du nächste Woche im 2. Teil „Popgesang oder klassischer Gesang – Die Gemeinsamkeiten“.

 

Wie siehst du das: Popgesang ODER klassischer Gesang? Oder beides?

 


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