Üben ist eine Gewohnheit
Jeder Sänger hat Gewohnheiten. Doch nicht jeder hat sich das Üben angewöhnt. Heute sprechen wir über Gewohnheiten – was sie sind, wie sie entstehen und wie du sie verändern kannst. Und so ganz nebenbei möchte ich dich motivieren, die Gewohnheit „Singen üben“ in deinen Alltag zu integrieren. Denn Üben ist der Schlüssel zum Erfolg als Musiker.
Was sind Gewohnheiten?
Charles Duhigg, der Autor des Buchs „Die Macht der Gewohnheit“, definiert Gewohnheiten so:
„Die Entscheidungen, die wir alle irgendwann einmal mit Bedacht treffen und über die wir dann nicht länger nachdenken, sie aber weiterhin ausführen.“
(Charles Duhigg. Die Macht der Gewohnheit – Warum wir tun, was wir tun. 2017 Piper, München. S. 16.)
Gewohnheiten sind also wiederholte Gedanken und Taten. Das Wort suggeriert es bereits: Ge-WOHN-heit. Etwas wohnt in uns, wir haben es uns einverleibt. Bei diesen Automatismen muss das Gehirn nicht länger eine Entscheidung treffen, sondern handelt „aus Gewohnheit“. Es kann die Denkarbeit herunterfahren und Kraft sparen.
Gewohnheiten laufen deshalb oft unbewusst ab. Sie fallen dir meistens gar nicht auf und fühlen sich „normal“ an. Das liegt daran, dass ca. 40% deiner täglichen Handlungen Gewohnheiten sind (Quelle: Die Macht der Gewohnheit, S.14).
2 Sachen sind entscheidend für Angewohnheiten:
- Das Gehirn hat irgendwann einmal in der Vergangenheit die Entscheidung für diese Tätigkeit getroffen.
- Das Gehirn hat diese Entscheidung als vorteilhaft eingestuft. Sie hat ihm ein positives Ergebnis eingebracht.
Das Gehirn unterscheidet übrigens nicht zwischen gut und schlecht. Gewohnheit ist Gewohnheit und hilft beim Energiesparen. Ob eine Angewohnheit Fluch oder Segen ist, entscheidest du.
Wie laufen Gewohnheiten ab?
Gewohnheiten folgen einem bestimmten Schema. Wenn du es einmal erkannt hast, ist es wirklich leicht, eine neue Gewohnheit bewusst zu entwickeln.
Jede Gewohnheit besteht aus drei Stufen: dem Auslöser, der Routine und der Belohnung.
Die Routine ist das, was du tust.
Der Auslöser kann einer von 5 Faktoren sein. Ich kürze sie mit AEHOU ab – das klingt fast wie AEIOU, die 5 Vokale in der deutschen Sprache. Einer der AEHOUs löst die Gewohnheit aus.
- A = andere Menschen. Wenn du dich mit der besten Freundin triffst, trinkt ihr erstmal gemeinsam einen Kaffee.
- E = ein emotionaler Zustand. Wenn du dich langweilst, surfst du in sozialen Netzwerken.
- H = eine unmittelbar vorangehende Handlung. Wenn du den PC hochfährst, checkst du als nächstes deine Emails.
- O = ein bestimmter Ort. Wenn du am Waschbecken stehst, putzt du dir die Zähne.
- U = eine bestimmte Uhrzeit. Morgens frühstückst du.
Und die Belohnung ist individuell verschieden. Bei der Gewohnheit „frühstücken“ könnte die Belohnung sein, keinen Hunger mehr zu haben, sich gestärkt zu fühlen oder auch die Familie zufriedengestellt zu haben, die immer frühstückt und dir ein Brötchen aufschwatzt, obwohl dir Kaffee schwarz vollkommen langen würde. Es hilft jedoch sehr, wenn die Belohnung etwas ist, auf das du dich wirklich freust.
Das Verlangen nach der Belohnung macht es dir leichter, dir die neue Tätigkeit wirklich zu Eigen zu machen. Diese starke Vorfreude ist der Katalysator, warum es manchmal so leicht ist, sich etwas Neues anzugewöhnen und manchmal schier unmöglich. Ist das Verlangen da, treibt es die Gewohnheitsschleife an.
Was sind mögliche gute Gewohnheiten beim Singen?
Schön und gut, dass du jetzt weißt, wo deine Gewohnheiten herkommen. Aber wie nützt dir das für deinen Gesang?
Vielleicht kennst du den Spruch „Practice makes perfect.“. Übung macht perfekt. Wahr ist aber: „Practice makes permanent.“. Das, was du regelmäßig während des Probens tust, bleibt haften. Jeder Sänger hat seine eigenen guten und schlechten Eigenarten, auch beim Üben.
Warum übst du eigentlich singen?
- Weil du dich verbessern willst – deine Fähigkeiten als Sänger und / oder als Instrumentalist, dein Wissen, deine Effizienz.
- Weil du dich danach zufrieden und auch ein bisschen stolz fühlst. Du hast schließlich den Schweinehund besiegt. Oder einen Song endlich drauf. Oder hast die richtige Gesangstechnik benutzt.
- Weil du dich auf einen Auftritt oder ein Vorsingen vorbereiten willst. Du willst alles getan haben, um dabei gut abzuschneiden.
- Weil du dich mit deiner Stimme mitteilen möchtest. Deine Message ist dir wichtig, aber sie kann noch klarer sein.
Alle diese Motive sind möglich. Gleichzeitig sind sie mögliche Belohnungen für deine Gewohnheit.
Lass uns das an einem Beispiel ausprobieren. Dein Gesangslehrer sagt, du musst täglich üben, sonst erreichst du dein Ziel nicht. Die Gewohnheitsschleife könnte also so aussehen:
Ich soll täglich singen üben. > Ich übe. > Ich kann das Thema für heute abhaken.
Als erstes solltest du deinen Auslöser und deine Belohnung finden. Wenn beide aus dir selbst heraus kommen (und nicht, wie im Beispiel, durch deinen Lehrer motiviert sind), hilft dir das, um die neue Gewohnheit in deinem Leben zu verankern.
Beobachte dich ein paar Tage lang und schreibe die AEHOUs auf: Mit wem warst du zusammen? Wie hast du dich gefühlt? Was hast du unmittelbar vor dem Üben getan? An welchem Ort warst du? Und wie spät war es? Finde das Muster in deinem Verhalten heraus.
Wenn das Üben häufig unter den Tisch fällt, hast du hier die Chance, herauszufinden warum. Bist du gelangweilt (Emotionen) und surfst deswegen „nur mal schnell“ im Netz (Handlung) und vertrödelst Zeit? Ist immer dann, wenn du Zeit zum Üben hast, jemand im Haus (andere Menschen) und du traust dich nicht (Emotionen)? Ist deine einzige freie Zeit mitten am Tag, wenn der Stundenplan 2 Freistunden anzeigt (Uhrzeit), aber du bist in der Schule / Uni (Ort) und hast dort keinen Raum zum Üben? Oft zeigt diese Detektivarbeit, dass sich an einem einzigen Faktor der AEHOUs entscheidet, ob das Üben überhaupt stattfindet.
Betrachte danach die Belohnung. Hast du überhaupt eine? Denn „Ich kann das Thema für heute abhaken.“ motiviert nur sehr wenig. Möchtest du dich stolz fühlen? Probier die Siegerpose (Beine breit, Arme hoch, die Finger zum Victoryzeichen und 2 Minuten halten). Möchtest du dich mit deinem Lieblingsgetränk belohnen? Erlaubst du dir 10 Minuten ohne Reue im sozialen Netz? Drehst du die Lieblingsband auf laut und genießt die Musik? Wenn die Belohnung stark genug ist, dein Verlangen danach also sehr hoch, überwindest du dich leichter.
„Gewohnheiten sind erst Spinnweben, dann Drähte.“
(Spanisches Sprichwort)
Hier noch ein paar Ideen für praktische Gewohnheiten für Sänger:
| Auslöser | Routine | Belohnung |
|---|---|---|
| direkt nach der Arbeit / nach dem Sport / vor dem Abendessen üben | täglich üben (10 Minuten sind besser als gar nicht) | gutes Gefühl, Stolz, Zufriedenheit |
| vor dem Songsingen | einsingen | angenehmeres Gefühl beim Singen |
| Einsingen | 3 Minuten auf Sängeratmung konzentrieren | Sängeratmung weiter automatisieren |
| Üben | 5 Minuten an der Gesangstechnik arbeiten | dem Wunschklang näher kommen |
| Gesangstechnik üben | bei einer Übung auf die Körperwahrnehmung achten | Körper meistern |
| unzufrieden mit eigenen Fähigkeiten | 10 Minuten mit Mikrofon / Loopgerät / Instrument üben | Skills verbessern oder mehr mit dem Gerät vertraut sein |
| Verspannungen spüren | vor dem Spiegel üben und Körper beobachten | Verspannungen gleich bemerken und bewusst entspannen |
| Üben | 1 Song auswendig lernen | Repertoire ausbauen |
| nach 15 Minuten üben | Körperhaltung und Atmung überprüfen | Gesangstechnik verbessern |
| Instrument üben | täglich 15 Minuten an den Liedbegleitungsskills arbeiten | sich selbst besser begleiten können |
| Gitarre üben | 1 neuen Gitarrengriff pro Woche lernen | Repertoire erweitern und Skills verbessern |
Es ist egal, wie groß oder klein deine Gewohnheit ist. Täglich bis zu 30 Minuten üben ist eine relativ große Gewohnheit. Vor dem Spiegel üben und den Körper dabei beobachten, ist eine kleine Gewohnheit. Beide sind vollkommen in Ordnung.
Gerade Anfängern fällt es schwer, regelmäßig zu üben. Eine große Gewohnheit, wie „täglich 10 Minuten üben“, macht es dir leichter, diese Regelmäßigkeit überhaupt aufzubauen. Am Anfang geht es darum, das Üben zu üben. Show up daily. Mach das Üben zu einem unverrückbaren Ding in deinem Tagesablauf. Hier zählt allein die Quantität des Übens.
Die Qualität des Übens entwickelst du hingegen über die kleinen Gewohnheiten – „auf den Körper achten“, „die Atmung trainieren“, „den Song in einzelnen Abschnitten üben“.
Wenn du das Prinzip der Gewohnheitsschleife wie eine Formel anwendest, kannst du jederzeit neue Gewohnheiten erzeugen.
Wie kannst du Gewohnheiten verändern?
Bist du jetzt auf ewig deinen schlechten Gewohnheiten ausgeliefert? Natürlich nicht! Sie lassen sich verändern – sonst könnten sich ganz normale Menschen nicht zu Musikern entwickeln.
„Eine schlechte Gewohnheit kann man nicht beseitigen, man kann sie nur verändern.“
(Charles Duhigg. Die Macht der Gewohnheit – Warum wir tun, was wir tun. 2017 Piper, München. S. 93.)
Was du dir antrainieren kannst, kannst du dir auch wieder abtrainieren. Du hast die Chance, wieder eine bewusste Entscheidung zu treffen, statt dem Automatismus zu folgen. Das kostet Denkenergie. Und weil der Körper nun mal auf Energiesparen konditioniert ist, kostet es Kraft, eine Gewohnheit zu verändern. Deswegen geht es auch leider nicht schnell.
Schau dir zum Beispiel diese Gewohnheitsschleife „Singen üben“ an:
Du übst. -> Du singst dir die Seele aus dem Leib. -> Du fühlst dich gut, weil du alles gegeben hast.
Aber du ahnst, dass die Art, wie du es tust, nicht so richtig gut ist. Denn manchmal bleibt dir die Stimme weg. Oder du hast Halsschmerzen hinterher. Oder du schaffst es nie, diesen einen Song mit den richtig langen Phrasen zu singen, ohne nach Luft japsen zu müssen.
Um das mulmige Gefühl nach dem Üben abzustellen, hast du jetzt die Chance, deine Routine („Ich singe mir die Seele aus dem Leib.“) zu verändern. Das mulmige Gefühl oder die Halsschmerzen sind zwar auch eine Belohnung, aber eben eine negative. Wer will schon mit schlechten Gefühlen belohnt werden?
Betrachte, was deine Routine ist.
- Singst du aus dem Kalten heraus gleich los? Dann schieb ein cleveres Einsingen vor das Singen.
- Bist du beim Singen verspannt? Übe vor dem Spiegel und entspanne die verkrampften Muskeln, sobald du sie siehst.
- Atmest du falsch? Dann trainiere die Sängeratmung.
- Wendest du die falsche Gesangstechnik an? Dann frag deinen Gesangslehrer nach passenden Übungen und wende sie konsequent an.
Bekämpfe gezielt die schlechte Routine und ersetze sie bewusst durch die Neue. Sonst entfaltet sich automatisch der alte Automatismus, der zur schlechten Gewohnheit führt.
Was solltest du noch wissen, um eine Gewohnheit zu verändern?
Eine wissenschaftliche Studie hat herausgefunden, dass die 21-Tage-Regel zum Antrainieren einer neuen Gewohnheit falsch ist. Manche Probanden haben es in 18 Tagen geschafft, andere erst in über 200 Tagen. Im Durchschnitt kamen die Probanden auf eine Dauer von 66 Tagen.
66 Tage. Etwas mehr als 2 Monate. Das scheint erst mal viel. Dreh also den Spieß um: Zähl rückwärts. Setz dir zum Beispiel das Ziel „Ich übe jetzt 66 Tage lang täglich 10 Minuten singen.“ Am 1. Tag denkst du noch „66 Tage – uff, was für ein Berg!“. Am 2. Tag fängt die Magie jedoch zu wirken an. Denn dann sind es nur noch 65 Tage. Am 3. Tag nur noch 64 Tage. Nach 66 Tagen wird sich dein Leben verändert haben. Singen üben ist zu einer Gewohnheit geworden.
Und: Die neue Gewohnheit darf sich anfangs komisch anfühlen. Eben „ungewohnt“. Aber du kannst durchhalten. Mach dir bewusst, was du verändern willst und was du dadurch gewinnst.
Lesetipp
Wenn du als Sänger wirklich weiter kommen willst …
Wenn du dich entwickeln willst …
Wenn du Sätze sagst wie „Ja, ich weiß, eigentlich sollte ich X und Y und Z tun, um aufs nächste Level zu kommen, und mich immer vorher einsingen, und erst diese spezielle Übung machen, die ich ja so sehr liebe, aber …“,
… dann lies das Buch „Die Macht der Gewohnheit“ von Charles Duhigg.
Wenn du gleich loslegen willst, lies die ersten drei Kapitel. Und dann wende das Prinzip der Gewohnheiten an. Sei konsequent. Das Buch öffnet die Augen.
Fazit
Die Gewohnheit „singen üben“ ist überhaupt kein Hexenwerk, auch wenn du noch nie in deinem Leben regelmäßig das Singen trainiert hast. Folge der Formel der Gewohnheitsschleife und kreiere in 2 Monaten eine neue, konstante Gewohnheit. Und wenn du eine schlechte Angewohnheit hast, kannst du auch sie mithilfe der Gewohnheitsschleife ändern. Du kannst das! Ich glaube an dich.
Welche eine Kleinigkeit veränderst du diesen Monat? Füge 1 kleine Sache zu deinem Alltag hinzu, die deinem Gesang gut tut. Was tust du?
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Wieder mal klasse geschrieben, wie Gewohnheiten entstehen, wie man sich welche zu- oder ablegen kann. Da muss ich doch gleich mal über meine Gewohnheiten nachdenken.
Freut mich, dass dir der Artikel geholfen hat, lieber Timo! Ich hab vor ein paar Wochen mit dieser Methode meinen Fokus wieder auf meine Gesangstechnik legen können. Wo hapert es bei dir gerade?
Liebe Grüße, Jessica