Singen lernen ist ein Prozess
In deinem Kopf spielt sich viel ab, was deinen Gesang beeinflusst. Lass uns heute einen Ausflug in deinen Geist machen und schauen, was deine Einstellung zum Singen Lernen macht.
Der Prozess des Singen Lernens
Kennst du ein Wort mit fünf Buchstaben für enttäuschte Erwartungen? Es nennt sich F.R.U.S.T. Und es trifft jeden Sänger mindestens einmal.
Frust ist ein mächtiges Gefühl. Er nimmt dir den Wind aus den Segeln, deine Motivation sinkt in den Minusbereich und am liebsten möchtest du alles hinschmeißen.
Wo kommt Frust eigentlich her? Er ist das Resultat deiner Erwartungen und Ansprüche.
Ich frage meine Sänger zu Beginn der Stunde, was sie heute machen wollen. Manchmal ernte ich nur ein „Na, singen!“, manchmal bekomme ich einen 12-Punkte-Plan erklärt. Beide Antworten sagen mir sehr viel über ihn. Über seine Ziele, seinen Energielevel, seine Motivation, aber auch über seine Erwartungen und Hoffnungen.
Leider muss ich den Sänger bereits an dieser Stelle ausbremsen, damit er das später nicht selbst aus Frust tut. Denn an der Antwort erkenne ich, dass sein Ziel viel zu groß für eine einzige Unterrichtsstunde ist. Anfangen können wir das Thema, aber meistern? Sorry, zaubern steht leider nicht auf dem Lehrplan.
„Momentan ist richtig … momentan ist gut … nichts ist wirklich wichtig … nach der Ebbe kommt die Flut.“ (Herbert Grönemeyer, „Mensch“)
Was bedeutet es dir, alles auf Anhieb richtig zu machen? Perfekt sein zu wollen – auch während des Lernens schon? Ich erlebe das immer wieder in meinem Unterricht. Ich unterrichte sehr gern Erwachsene. Ihre Energie ist hoch, sie sind motiviert und engagiert. Und oft wollen sie zu viel zu schnell.
Lass los! Den Druck, die Ansprüche, die Anforderungen.
Komm stattdessen ins Schwingen. Singe um des Singens Willen. Genieße den Klang, den dein fantastischer Körper produziert. Sei du – mit allen Macken, mit allen Stärken.
„Hab Geduld mit allem, aber zuerst mit dir selbst.“ (Francis de Sales)
Singen lernen ist eine Reise. Sie beginnt bei dir und endet bei dir – Schritt für Schritt. Auf dieser Reise gibt es viel zu erforschen, zu experimentieren und zu entdecken. Du wirst viel über dich selbst erfahren und dich besser kennenlernen. Du wirst herausfinden, wie du tickst. Was dazu nötig ist?
Vertrauen.
Vertrau dir selbst. Der Weg ist vielleicht nicht klar ausgeschildert. Er entsteht ja erst, wenn du ihn gehst. Aber er lohnt sich. Es ist dein Weg, den du gehst und den niemand vor dir gegangen ist. Er gehört ganz allein dir. Vertrau dich ihm an. Genieße die Aussicht auf der Reise.
„Wanderer, es gibt keinen Weg, man erschafft den Weg im Gehen. Im Gehen erschafft man den Weg, und wenn man den Blick zurückwendet, sieht man den Pfad, den man nie wieder gehen wird.“ (Antonio Macando)
Geh den Weg. Gib dich dem Fluss, dem Prozess hin. Du kannst nichts beschleunigen, sonst erzwingst du es. Und aus Zwang entsteht selten etwas Gutes.
Erster Versuch im Lernen
Kannst du dich noch an dein erstes Schuljahr erinnern? Ich auch nicht wirklich. Aber dort passiert etwas Magisches. Du lernst neue Dinge, von denen die Erwachsenen dir sagen, dass du sie später brauchen wirst. Darum machst du dir eigentlich keinen Kopf. Du lernst einfach.
Zählen zum Beispiel. Erst mal von 1 bis 10. Das übst du, wendest es immer wieder an. Irgendwann lernst du dann das Zählen von 1 bis 20. Dann bis 50, bis 100, bis 1000. Und immer wieder kommst du dabei zu den ersten zehn Zahlen zurück, die du gelernt hast: 1, 2, 3, 4, 5, 6, 7, 8, 9 und 10.
Anders bei den Grundrechenarten. Erst lernst du Plusrechnen, dann Minusrechnen. Wenn du diese beiden Rechenoperationen beherrschst, lernst du Mal und Geteilt. Wenn du diese auch beherrschst, werden sie als „gelernt“ vorausgesetzt. In der 5. Klasse wiederholt der Lehrer diese Rechenarten nicht mehr – er setzt sie voraus. „Gemeistert“. „Gelernt“. Abgehakt.
Ganz viel Schulstoff wird auf diese zweite Art vermittelt. Du wirst einmal mit dem Stoff konfrontiert, lernst ihn mehr oder minder tiefgreifend, und wenn das Thema abgeschlossen ist, wird das Wissen darüber als „gemeistert“ vorausgesetzt.
„If you fail never give up, because F.A.I.L. means „first attempt in learning“.
Doch was wäre, wenn die erste Begegnung mit einem Thema nicht die Letzte wäre? Wenn es Vertiefungsstufen gäbe? Wenn du ein Thema erst einmal ganz oberflächlich kennenlernst und später jederzeit dazu zurückkehren kannst, um es von einer neuen Perspektive aus nochmal anzugehen? Mit jedem neuen Kontakt erweiterst du dein Wissen oder verbesserst deine Fähigkeiten.
Dann wäre wirkliches Verstehen möglich. Sich eigene Gedanken machen statt nachplappern. Zu eigenen Erkenntnissen kommen. Einen Dialog starten. Keine Hierarchie, sondern ein Austausch auf Augenhöhe. Wie viel mehr wären wir dann wirklich gebildet und nicht nur ausgebildet? Nicht einfach nur Singmaschine, sondern Rundumsänger, der sich vor dem Austausch mit scheinbar besser gebildeten Instrumentalisten nicht fürchten braucht?
Singen Lernen ist mehr als eine Ausbildung der Stimme
Gerade Anfänger profitieren beim Singen von vertiefendem Lernen, denn Singen ist komplex. Du spielst nicht nur ein Instrument – du bist ein Instrument. Dein ganzer Körper, dein Geist und deine Seele beteiligen sich am Singen. Unglaublich viele Faktoren beeinflussen täglich dein Singerlebnis. Vieles davon läuft unbewusst und unbemerkt ab.
An diesen Stellen profitierst du am meisten von dieser Lernart. Sie kommt in Wellen, oder besser gesagt in Spiralen.
Ein Beispiel aus meinem Unterrichtsalltag:
Ich baue die Art, wie ich die Sängeratmung vermittle, gern in Etappen auf. Anfangs demonstriere ich die komplette Atmung. Und dann fängt der Sänger mit Bauchatmen an. Stufe 1.0 ist die ganz normale Zwerchfellatmung, die jeder von uns kann und beim Schlafen zum Beispiel auch praktiziert. Ich hole sie ins Bewusstsein. Mit der Aufgabe, die Bauchatmung fünf Mal am Tag bewusst zu praktizieren, schicke ich ihn nach Hause.
Wenn das nach ein paar Wochen klappt, bitte ich den Sänger, die Bauchatmung bei Gesangsübungen anzuwenden. Das ist Stufe 1.1. Wenn das klappt, kommt Stufe 1.2: Die Anwendung der Bauchatmung im Song.
Dann folgt Stufe 2: Was macht eigentlich der Rücken beim Atmen und welche Tandemarbeit leisten Bauch- und Rückenmuskeln? Stufe 3: Die Rolle des Solarplexus. Stufe 4: Die Flanken. Immer wieder gehen wir dabei auf Stufe 1.0 zurück. Die Bauchatmung ist die Basis, damit die anderen Level korrekt funktionieren können.
Warum ich das so fein gliedere? Weil es sich als praktikabel herausgestellt hat. Am Anfang meines Unterrichtens hab ich Sängern die volle Breitseite der Sängeratmung beigebracht. Nur um in den nächsten Wochen festzustellen, dass sie zwar bauchatmen können, es aber zum Beispiel beim Singen nicht anwenden können.
Auch später komme ich zu diesen Basics zurück. Meistens reicht dann ein kurzer Hinweis, dass der Sänger bitte korrekt supporten soll. Nach längeren Singpausen wiederhole ich die Sängeratmung aber auch noch einmal komplett.
Dieses spiralförmige Lernprinzip kannst du vielen weiteren Bereichen des Singens sehen: bei der Vocal Range, beim korrekten Gebrauch von Registern und Stimmeffekten, beim Erlernen von Üben und Einsingen, beim Kennenlernen der Stilistik, bei den Mikrofon-Skills.
Selbstverständlich ändert sich die Herangehensweise, wenn ich einen fortgeschrittenen Sänger unterrichte. Er kommt bereits mit vielen Grundlagen, die ich nur überprüfe. Wenn sie richtig laufen, hake ich sie ab. Doch auch er hat seine Lernspiralen. Sie beginnen nur auf einem höheren Level als die des Anfängers.
„Singen ist eine 50jährige Ehe, keine Wochenend-Affäre“. (Felicia Ricci)
Darüber hinaus ist Singen immer auch Arbeit mit dem ganzen Menschen. Das Instrument Stimme ist nur ein kleiner Teil des Sängers. Alles, was in den Bereich der Persönlichkeitsbildung geht, profitiert ebenfalls vom spiralförmigen Lernen. Soft Skills wie Durchhaltevermögen und Disziplin. Fähigkeiten wie eigenständiges Üben und Vorarbeit am Song ohne die Anleitung durch den Lehrer.
Fazit
Singen lernen ist ein Prozess. Er findet Schritt für Schritt statt. Wenn diese Schritte als Wendeltreppen verlaufen statt einer geraden Treppe, dann hat der Sänger die Möglichkeit, sein Wissen immer weiter zu vertiefen. Genau das ist die große Chance am Singen lernen. Es bringt nicht über Nacht Resultate, dafür aber eine verdammt aussichtsreiche Reise. Hab Geduld. Genieße den Weg und lass dich nicht demotivieren von deinen eigenen Ansprüchen.
In welchem Bereich deines Singenlernen-Prozesses steckst du gerade? Was willst du als nächstes vertiefen?
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