Leichter singen mit innerer Vorstellung
Im Gesangsunterricht gibt es eine Technik, die ich gern benutze. Sie ist eine Art Abkürzung beim Singen und hilft meinen Schülern, schneller zum gewünschten Sound zu kommen. Die Rede ist von inneren Vorstellungen. Was das genau ist, wie es funktioniert und wie du es nutzen kannst, zeige ich dir heute.
Stell dir bitte eine Blume vor. Sie soll gelbe, recht lange Blütenblätter haben und einen dunklen Blütenstempel, der etwa halb so breit wie die gesamte Blüte. Geschafft? Super! Woran hast du gedacht? Eine gelbe Tulpe, einen gelben Sonnenhut, eine Sonnenblume oder eine Arnika?
Jetzt stell dir bitte eine Sonnenblume vor.
Was war einfacher? Die beschriebene Blume oder die Idee der Sonnenblume? Im Normalfall wirkt das Bild der Sonnenblume schneller. Du hast es direkt griffbereit und vor deinem geistigen Auge gesehen. Das ist die Macht der inneren Vorstellung.
Was ist die innere Vorstellung?
Was ich als innere Vorstellung bezeichne, trägt auch noch andere Namen: mentales Bild, Vorstellung, Visualisierung, Assoziation, Imagination. Ganz gleich wie du es nennst, die innere Vorstellung ist die willentliche Beeinflussung des Körpers durch mentale Vorstellungen. Du stellst dir etwas bildlich vor und dein Körper reagiert darauf. Diese Reaktionen können unbewusst oder bewusst sein.
Im Gesang verbinden innere Vorstellungen die physische Tätigkeit „Singen“ mit einer mentalen Idee, die zumeist gar nichts mit den Singen zu tun hat. Somit wird die Visualisierung ein Teil des kreativen Schaffensprozesses in der Musik.
Wie funktioniert die innere Vorstellung?
Eigentlich ist es nicht schwer. Aber ich bin wahrscheinlich nicht die einzige Gesangslehrerin auf Erden, der es schwer fällt, dieses Phänomen in Worte zu fassen.
Die kurze Erklärung: Sie funktioniert einfach.
Wenn du in deinem Leben auch nur eine Sonnenblume gesehen hast und weißt, dass das eine Sonnenblume war, dann brauch ich dir nur das Stichwort „Sonnenblume“ nennen und schon siehst du sie vor deinem inneren Auge. Ob die nun 2 Meter groß ist oder nur 30 cm, ob sie strahlend gelb ist oder eher orange-gelb, ob sie sich gerade erst öffnet oder schon vertrocknet – all das spielt keine Rolle. Wichtig ist das Bild, deine Vorstellung der Sonnenblume an sich.
Nun nutzen Sänger und Gesangslehrer solche mentalen Bilder nicht einfach nur, um sich selbst ein Lächeln auf das Gesicht zu zaubern. Oder einen mürrischen Blick, falls du keine Blumen magst. Sie nutzen Bilder, um eine bestimmte körperliche Reaktion auszulösen. Das Ergebnis tritt in der Regel sofort ein und hat meistens eine positive Wirkung auf den gleichzeitig produzierten Klang.
„Wir machen uns durch die Vorgabe von Bildern die Tatsache zunutze, dass keine Wahrnehmung ohne Gefühl und kein Gefühl ohne Körperreaktion geschieht: Durch die Vorstellung eines schwebenden Blattes entsteht ein bestimmtes Gefühl, das auf der körperlichen Ebene Entsprechungen hat und bestimmte Muskelkontraktionen auslöst. So kann eine Vorstellung direkt auf deine körperlichen Vorgänge beim Singen wirken.“
(Straue, Petra. Bilder des Singens – Handbuch für den Popgesang. Acoustic Musik Books 2014. S.9)
Die Bilder lösen muskuläre Veränderungen im Körper aus. Die innere Vorstellung unterstützt den Körper beim Singen. Manchmal spürst du das deutlich, manchmal nicht. Manchmal hörst du es direkt, manchmal nicht. Dann kann es sein, dass ein bestimmtes mentales Bild für dich einfach nicht funktioniert – das kommt vor. Es mag auch nicht jeder Zartbitterschokolade.
Wenn aber ein Anderer die Veränderungen hört, sieht oder spürt, zum Beispiel dein Gesangslehrer, dann vertraue dem. Viele Anfänger-Sänger haben noch nicht das Körperbewusstsein oder das sensible Gehör entwickelt, um die Veränderungen wahrzunehmen. Da hilft nur „fake it until you make it“.
Was ist, wenn innere Vorstellungen nicht funktionieren?
Manchmal gehen mentale Bilder nach hinten los.
Eine Schülerin wollte vor kurzem einen Song wiederholen, den sie vor Monaten zuletzt gesungen hat. Nach der ersten Runde bemerkte sie: „Die Höhe ging aber auch schon mal besser.“ Stimmt. Ich machte ihr also den Vorschlag, von oben auf die Töne draufzugucken. Dazu bat ich sie, sich vorzustellen, sie stünde ganz oben auf einer Skischanze und die Töne sausen die Schanze hinunter.
Gesagt. Getan.
Aber sie fiel fast vornüber vor lauter Hinterhergucken! Und klang deutlich angestrengter. Nicht frei, wie ich gehofft hatte.
Was war passiert?
Nun, sie hat leichte Höhenangst. Ups!
Ich wollte aber zumindest versuchen, ob wir das mentale Bild, dass sich die Schülerin vorgestellt hatte, nicht doch noch positiv besetzen könnten. Zunächst blieb ich also bei der Idee der Skischanze. Ich bat sie sich breiter hinzustellen und machte eine kleine Zentrierungsübung mit ihr. Mit diesem sicheren Stand, den sie während des Singens beibehalten sollte, wiederholten wir die hohen Stellen des Songs und das Hinterherschauen der herabsausenden Töne.
Und siehe da, sie hörte sofort eine Verbesserung. Die Töne waren klar und deutlich freier.
Wenn die Anpassung des mentalen Bilds bei dieser Schülerin nichts gebracht hätte, wäre ich selbstverständlich auf eine bodenständigere Version umgestiegen. Gemäß der Theorie der verschiedenen Lerntypen gibt es Menschen, die sehr gut und schnell auf Visualisierungen ansprechen und Menschen, die andere Lernkanäle bevorzugen. Das ist auch richtig so.
Wenn du beim Singen mit Ideen wie „leicht wie eine Feder“, „zielgerichtet wie ein Dartpfeil“ oder einem fließenden Fluss nichts anfangen kannst, ist das nicht schlimm. Versuch es trotzdem. So viele Facetten in der Musik lassen sich einfacher und schneller ausdrücken, wenn du ein mentales Bild dazu hast. Deine Interpretation und dein Ausdruck als Sänger werden dadurch besser.
Welche Vorteile hat die innere Vorstellung für Sänger?
„Die Imagination wird […] dein Werkzeug, um ein Problem zu entschärfen und dauerhaft zu lösen.“
(Straue, Petra. Bilder des Singens. Acoustic Musik Books 2014. S.7)
Die Vorteile beim Singen, die du durch das Benutzen innerer Vorstellungen hast, sind:
- Du bewirkst eine direkte positive Verbesserung deiner Singleistung.
- Du entdeckst neue, bisher unbekannte Facetten deiner Stimme.
- Du lernst deinen Körper und deine Stimme besser kennen.
- Du kannst schneller auf deine Gefühle zugreifen.
- Du weißt, was dir hilft, dein Ziel zu erreichen.
Warum funktioniert die innere Vorstellung?
Die genannte Situation zeigt deutlich, wie unterschiedlich innere Vorstellungen sein können und wie eng das Singen mit dem Denken und den eigenen Überzeugungen zusammenhängt. Warum funktioniert es dann trotz aller Unterschiede?
Die Kurzform? Weil das Gehirn lernfähig ist. Es kann alte Gewohnheiten an neue Gegebenheiten anpassen und „dazu lernen“. Gerald Hüter beschreibt diesen Prozess ausführlich in seinem Buch „Die Macht der inneren Bilder“.
Beim Singen beschäftigt die innere Vorstellung das Gehirn mit Dingen, die scheinbar nichts mit Singen gemeinsam haben. Der Sänger steht sich selbst nicht im Weg und der Körper hat die Möglichkeit, spontan zu reagieren.
Als Sänger kennst du das. Du denkst an dieses (hab ich wieder zu spät eingeatmet?) und an jenes (es soll jetzt so und so klingen) und das (ist das A richtig so oder soll das heller?) sollst du noch berücksichtigen und „oh je, da kommt jetzt was, womit ich mich gar nicht wohl fühle“ (Ich habe Angst vor hohen Tönen!). Wir zerdenken das Singen.
Singen findet zwar im Körper statt – da liegen die Produzenten. Aber primär singen wir mit dem Kopf – mit unseren Gedanken und Erwartungen, unseren Annahmen und ungeschriebenen Gesetzen, Wünschen, Absichten, Zielen und Ängsten.
Es macht die Sache auch nicht leichter, dass wir Sänger unser Instrument nicht anfassen können. Es ist uns sprichwörtlich „un-begreif-lich“.
Mentale Bilder sind eine sehr einfache Methode, um das Karussell der bewussten Gedanken stumm zu schalten. Stattdessen gibst du deinem Gehirn etwas zu tun, das in erster Linie das Gefühl und die Vorstellungskraft anspricht. Die zusätzliche Arbeit von Händen, Armen und Füßen unterstützt das noch. Es holt das Singen in den Körper und visualisiert die eigentlich „mentale Arbeit Singen“.
Innere Vorstellungen funktionieren intuitiv. Statt den langen Weg über den rationalen Verstand zu gehen, wählst du mit mentalen Bildern die Abkürzung.
Um die innere Vorstellung nutzen zu können, sind jedoch 2 Voraussetzungen wünschenswert:
- Du darfst offen und bereit für Neues sein. Wenn du überzeugt bist, schon alles auf einem Gebiet zu wissen, ist dein Gehirn nicht im Lernmodus. Ganz simpel.
- Das mentale Bild weicht von deinen bisherigen Erfahrungen ab. Das Bild, das du verwendest, sollte von früher gemachten Vorstellungen abweichen. Es hilft, wenn die neue Idee abwegig, unerwartet, freudig oder schockierend ist – oder wenn sie augenscheinlich überhaupt nichts mit dem Singen zu tun hat. Dann kann das Gehirn das bestehende Bild um die neuen Facetten erweitern und dazulernen.
Wie kannst du die innere Vorstellung anwenden?
Generell kannst du mentale Bilder in zwei Bereichen des Singens anwenden: in der Stimmbildung und in der Arbeit am Song. Letzteres reicht in den Bereich der Interpretation und des Ausdrucks hinein. Deswegen konzentriere ich mich in diesem Artikel auf die Anwendung im ersten Bereich.
Der einfachste Weg ist es, die Visualisierungen zu notieren, die dein Gesangslehrer mit dir verwendet. Übe zuhause mit Ihnen und versuche, das gleiche Resultat auszulösen. Auf diese Weise hast du Bilder an der Hand, die für dich und deine Stimme funktionieren.
Falls dein Gesangslehrer nicht mit mentalen Bildern arbeitet oder du derzeit keinen Gesangsunterricht nimmst, kannst du dich bei deinen Kollegen erkundigen, was für sie funktioniert. Das kann eine längere Zeit des Ausprobieren bedeuten. Jeder Sänger hat eine andere Vergangenheit! Ich spreche hier auch von Hobbys und Erfahrungen, die absolut nichts mit Musik zu tun haben: rhythmische Sportgymnastik, Höhenangst, eine Vorliebe für ein bestimmtes Land oder eine Abneigung gegen Yoga. Wirklich jede Erfahrung im Leben prägt dich. Manchmal mit tollen, positiven Resultaten – manchmal mit Murks, um den du herumarbeiten darfst. Aber es lohnt sich. Hier ein paar Beispiele, die ich oft im Unterricht verwende:
- erstaunt einatmen als würdest du ein Überraschungsgeschenk erhalten
- Unterkiefer entspannen, wie wenn du dein Lieblingsdessert auf der Zunge hast
- Töne fließen lassen wie ein ruhiger, breiter Fluss
- sanft singen als wolltest du ein schlafendes Baby nicht wecken
- präzise artikulieren wie ein Rapper
Ein letztes Beispiel, wenn du zum Beispiel Angst vor der Höhe hast: Laufe den Sky Walk.
Ein Sky Walk ist eine Aussichtsplattform, die weit über eine Klippe hinausragt. Du findest diese Konstruktion zum Beispiel im Grand Canyon in den USA oder auf der Leuchtenburg im thüringischen Kahla. Stell dir vor, wie du auf dieser Plattform bis ganz vor zum äußersten Rand gehst. Du schwebst quasi in der Luft, nur getragen von der Plattform. Wenn du jetzt eine Übung singst, die in die Höhe geht, stellst du dir vor, wie du ganz zügig von der Klippe bis vor zum äußersten Rand der Plattform gehst und wieder zurück. Du singst in die Weite statt in die Höhe! Das Resultat sollte ein unverkrampfter Klang sein.
Fazit
Die innere Vorstellung ist ein faszinierendes Hilfsmittel im Gesang. Sie macht das Singen leichter. Der Grund dafür, dass mentale Bilder funktionieren, liegt in der Lernfähigkeit deines Gehirns. Manchmal musst du jedoch etwas forschen und experimentieren, welche innere Vorstellung dich deinem Ziel näher bringt und welche nicht funktioniert, weil dein Gehirn negative Assoziationen dazu aufgebaut hat.
Welche innere Vorstellung hat dir schon beim Singen geholfen?
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