Mentale Fähigkeiten, die dir beim Selbststudium Gesang helfen

Es gibt einige mentale Fähigkeiten, die dir das Singen lernen enorm erleichtern. Heute möchte ich dir 7 davon vorstellen, ohne die das Gesangstraining nichts wert ist. Das Beste? Diese Eigenschaften sind nicht auf das Singen beschränkt. Du kannst sie auf jedes Hobby anwenden.

 

Alle Teile der “autodidaktisch Singen lernen”-Serie findest du hier. 

 

Singen (lernen) ist eine Erfahrung, die den ganzen Körper benutzt – auch das Gehirn. Neben deinem Kehlkopf bilden deine mentalen und kognitiven Fähigkeiten die Basis deines Gesangstrainings. Ohne sie kannst du das beste Kursmaterial und das teuerste Equipment der Welt haben und wirst doch nicht singen lernen.

 

Die innere Einstellung zum Wachstum

Meiner Meinung nach die wichtigste Fähigkeit ist die Überzeugung, dass du lernen und dich verbessern kannst – auch im Gesang, wo es scheinbar immer nur um die Talentfrage geht.

Schau, Singen ist ein Handwerk. Es braucht Zeit, gut darin zu werden. Wenn du es lernen willst, dann dauert das mehr als nur ein paar Wochen. Zumindest, wenn du es dauerhaft und gut können willst.

In dieser Zeit wird es Phasen geben, in denen alles super läuft. Und es wird Phasen geben, wo gar nichts geht. Deine innere Einstellung zum Wachsen, Lernen und Sich Verbessern – Dr. Carol Dweck nennt es das „dynamische Selbstbild” – wird dir in beiden Phasen helfen und ganz besonders, wenn sich deine Stimme gegen dich verschworen hat.

Spaß am Lernen sind unabdingbar, wenn du dich so lange mit einer Sache beschäftigst. Lerne Neues. Wende es an. Nimm Kritik an und verbessere dich. Tausche unvollständiges Wissen gegen besseres Wissen und Erfahrungen aus. Egal, welches Medium du benutzt, um Singen zu lernen – der Wille, sich ständig zu verbessern ist das ultimative Werkzeug.

 

“Immer versucht. Immer gescheitert. Wieder versuchen. Wieder scheitern. Besser scheitern”.

Samuel Becket

 

Die Bereitschaft, dein eigener Coach zu sein

Das klingt zunächst einmal ganz leicht, ist in der Realität jedoch oft schwer. Wenn du dir das Singen selbst beibringen möchtest, bist du Lehrer und Schüler gleichzeitig. Im Vergleich zur Arbeit mit einem Vocal Coach hast du mehr Aufwand, weil du selbst entdecken willst, was er bereits weiß.

Objektives Feedback ist essentiel. Hol es dir, wo auch immer du kannst. Nimm dich selbst beim Üben auf. Audio- und Video-Aufnahmen und das Training vor dem Spiegel sollten deine ständigen Trainingspartner sein, gepaart mit der regelmäßigen Auswertung deiner Aufnahmen. Analysiere dein Üben und arbeite daran, dich zu verbessern.

 

Die Fähigkeit, selbständig zu arbeiten

Zur Bereitschaft, dein eigener Vocal Coach zu sein gehört auch, dass du gut selbständig arbeiten kannst. Dein Erfolg als Sänger – die große Bühne ist dabei nur eine von zahlreichen Möglichkeiten – hängt allein von dir ab.

Hab die richtige Motivation. Motiviert zu sein, in der Antike bedeutete das, bewegt zu sein. Du brauchst starke Gründe, warum du Singen lernen willst und solltest deine Ziele kennen. Entwickle Pläne und Strategien, wie du deine Ziele erreichst. Analysiere dein Training – was lief gut? Und was braucht noch Arbeit? Packe diese Problemstellen mit bewusstem Üben an.

Ein guter Coach nutzt außerdem jede Zeit, um besser zu werden. Zum Beispiel nutzt er die scheinbar tote Zeit bei einer Krankheit, um in angrenzenden Bereichen fit zu werden: Stimmpflege, Musiktheorie, Warm Up Routine, effizientes Üben, Songauswahl, …

 

Die Gabe, dich selbst gut zu beobachten

Über die zwei Feedback-Schleifen von Sängern habe ich bereits gesprochen. Dazu gehört auch, dass du ein gutes Gespür für dich selbst hast. Sei dir bewusst, was du wann wie machst – und schau, ob das auf diese Art sinnvoll ist. Nichts steht dem Lernprozess mehr im Weg als geistesabwesend zu trainieren.

Im Stimmste-Blog hat Ina Hagenau ebenfalls darüber geschrieben.

 

Die Fähigkeit, Verantwortung für dein Tun zu übernehmen

Du wirst Fehler machen. Es sei denn, du bist ein Roboter. Aber dann könntest du auch schon Singen und hättest nicht den Wunsch, es zu lernen.

Eigenverantwortung ist ein grundsätzliches Thema. Umso mehr, wenn du dir etwas selbst beibringst. Da ist keiner, dem du die Schuld an deinen Fehlern zuschieben kannst. Bedenke den Faktor “Benutzerfehler”, statt die Ursache allein in der Anweisung zu suchen.

Werde Experte für deine Stimme. Informiere dich. Gib dich nicht mit etwas zufrieden, was nicht deinen Zielen und Träumen entspricht. Sei bereit, den ganzen Weg zu gehen – ohne bei der ersten größeren Hürde umzudrehen.

 

Die Geduld, dran zu bleiben

Singen lernen ist ein Prozess. Gib dir selbst die Zeit, dich zu entwickeln und vergleiche deine Resultate nicht zu häufig.

 

“Langsam ist geschmeidig. Geschmeidig ist schnell.”

Leitsatz der Navy Seals

 

Gleichmäßige Beharrlichkeit bringt dich schneller ans Ziel als blindes Losstürmen. Singen ist ein langfristiger Marathon. Für Problem A gibt es vielleicht eine Lösung A. Ganz oft geht die Arbeit am Gesang aber einen Umweg über D, Z, T und K – und das Problem löst sich ganz von allein auf. Die direkte Lösung bringt manchmal keine befriedigenden oder dauerhaften Ergebnisse.

 

Ein Beispiel: Die Intonation. Wenn du dem Publikum Glauben magst, ist das Treffen der richtigen Töne der Gradmesser eines guten Sängers. Wenn du Probleme damit hast, lautet die Standardantwort “Ja, dann musst du halt dran arbeiten, die Töne besser zu treffen.” Doch genau das führt in 95% der Fälle nicht zum Ergebnis.

Die Ursache für die schiefen Töne kann in deiner Körperhaltung, deiner Atmung, deiner Vorbereitung des Tons oder deinem Vokal liegen, wie gut dein Gehör funktioniert oder wie feingetunt deine auditive Feedbackschleife ist. Wenn du also an einer energetischen Körperhaltung arbeitest, oder daran, dass du die Bauchatmung korrekt anwendest oder im richtigen Maß die Stimme supportest, oder, oder, oder … dann erledigt sich die Intonationsschwäche von allein.

Du brauchst Geduld.

 

Die Ausdauer, um dran zu bleiben

Die Komfortzone ist schön bequem. Aber dort wächst nichts Neues. Wenn du wirklich wachsen willst, musst du die Komfortzone verlassen.

Durchhaltevermögen hilft dir, langfristig am Ball zu bleiben. Auch dann, wenn du Fehler machst. Oder nicht weiterkommst. Oder alles anders kommt, als du es geplant hast. Bewahre dir für solche Fälle die Fähigkeit, nicht zu verzweifeln. Verpflichte dich selbst, an deinem Gesang zu arbeiten. Die Arbeit ist obligatorisch. Steven Pressfeld nennt es “Turning Pro”.

 

Fazit

7 mentale Fähigkeiten, die dir beim Singen lernen helfen – die Einstellung zum Wachsen, dein eigener Coach sein, selbständig arbeiten können, eine gute Beobachtungsgabe, Eigenverantwortung, Geduld und Ausdauer. Nicht alle musst du von Anfang an besitzen oder perfekt beherrschen, denn vieles lernst du nebenbei. Die einzige absolute Grundvoraussetzung ist aus meiner Sicht jedoch das dynamische Selbstbild – deine Einstellung zum Lernen an sich.

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