Was ist Sing-Journaling?
In vielen Buchhandlungen findest du einen Tisch mit Journalingbüchern. Auf ihren vorgedruckten Seiten versprechen sie, dass bereits fünf Minuten täglich ausreichen; dass du achtsamer und dankbarer wirst; oder dass du zukünftig deinen Terminkalender und deine Erinnerungen an einem Ort bündeln kannst. Und sie wollen dafür oft dein gesamtes Leben auf den Kopf stellen.
Doch funktioniert das auch für Sänger? Und geht das auch so, dass du dabei dein Leben behalten kannst? Sing-Journaling lautet die Antwort für Sänger.
Was ist Sing-Journaling? Nun, das Wort besteht aus den beiden Komponenten Singen und Journaling. Lass uns zunächst einen Blick darauf werfen.
Singen ist …
Wenn du selbst singst, muss ich dir nicht erklären, was Gesang ist.
Aber worum es dabei geht, möchte ich kurz aufgreifen. Wir kennen die beeindruckenden Sängerinnen und Sänger und wir kennen diejenigen, die sie bis zur Perfektion imitieren. Für manche Sänger/innen ist das die Spitze des Mount Everest: Exakt so zu singen, wie die ganz Großen ist das Ziel. Danach gibt es oft nichts Höheres mehr.
Ich bin anderer Meinung.
Zwar lernen wir durch Imitation besonders gut, aber darum geht es nicht beim Singen. Nichts finde ich langweiliger, als die x-ten Tribute-Sänger a lá Ariana, Adele, Whitney, Michael, Stevie oder Aretha hören zu müssen. Was Beyoncé aus einem Song gemacht hat, interessiert mich nicht, wenn du vor mir stehst. Ich will dich hören. Ich möchte wissen, was dich bewegt, was du ausdrücken und mir mitteilen möchtest.
Wie du das herausfindest? Mithilfe von Journaling.
Journaling ist …
Es wird oft mit Tagebuchschreiben gleichgesetzt, aber Journaling ist nur damit verwandt.
Den Ursprung hat das Wort in der französischen Sprache. “Jour” ist der “Tag” und “du jour” bedeutet “täglich”. Daher wurde das Journal zum Begriff für tägliche Notizbücher geschäftlicher und privater Art, z.B. Kassenbücher, Logbücher, Tagebücher.
Dass wir Journaling heute nicht mehr mit dem Tagebuchschreiben gleichsetzen, haben wir der Psychotherapie des 20. Jahrhunderts zu verdanken. Sie ermutigte Patienten, sich selbst, ihr Verhalten oder ihre Träume schriftlich zu hinterfragen. Es sollte keine Chronik des Lebens sein — wie der Tag verlief, wen man traf, worüber man sich unterhielt — sondern sollte tiefer gehen.
Deswegen kannst du heutzutage im Journal dir selbst begegnen. Du schreibst über deine Wahrnehmung der Realität, hinterfragst dein Handeln und kommunizierst mit dir selbst. Dabei kannst du erkennen, an welchem Punkt du stehst oder welche Meinung du vertrittst.
Was ist nun Sing-Journaling?
Sing-Journaling ist Schreiben über Gesang — und zwar über deinen Gesang. Du bringst dabei deine persönlichen Gedanken und Gefühle über das Singen zu Papier. Das kann zum Beispiel sein:
- Was du mit deiner Stimme tust. Was und wie du übst; wie du dich einsingst; was im Auftritt passiert ist.
- Was du ausprobierst. Welche Resultate du beim Improvisieren, Interpretieren und Gestalten erhältst. Wie zufrieden du damit bist.
- Was dich als Sänger bewegt. Deine Songs; dein Klang; andere Künstler, die du hörst; auch private oder gesellschaftliche Themen.
- Wohin deine sängerische Reise gehen soll, wenn es nach deinem Willen geht. Wovon du träumst; woran du arbeitest.
Sing-Journaling befähigt dich, für dich selbst und deine Art des Musizierens einzustehen. Du wirst selbstbewusster, weil du dir dabei deines Selbst bewusster wirst.
Deshalb ist Sing-Journaling auch so individuell. Dein Schreiben über Gesang muss nur für dich Sinn ergeben. Und genau das tut es, weil es sich an deine Bedürfnisse anpasst — im Gegensatz zu den vorgefertigten Notizbüchern aus der Buchhandlung.
Du musst nicht täglich schreiben. Du musst keine Vordrucke ausfüllen, die nur zur Hälfte auf dich zutreffen und keinen Platz lassen für das, was dir wichtig ist. Du musst nicht erst einen Stapel Symbole lernen, bevor du loslegen kannst.
Es geht darum, deine sängerische Seite kennenzulernen und deinen künstlerischen Weg selbstbewusst gehen zu können. Es entlastet dich mental und dauert nur wenige Minuten.
Was mit Sing-Journaling möglich ist, erfährst du in meinem Buch “Das Sing-Journal: Wie Journaling Sängern hilft, selbstbewusster zu singen, sich kreativer auszudrücken und strukturierter zu lernen”. Darin findest du auch Schreibimpulse zu allen Themen, die für Sänger interessant sind. Du erhältst es im lokalen Buchhandel und online (ISBN 9783759776570).

Jessica Pawlitzki, 2024
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Jessica Pawlitzki, 2019
Jessica Pawlitzki, 2020
Jessica Pawlitzki, 2025
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Jessica Pawlitzki, 2024
Jessica Pawlitzki
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Hallo Jessica,
danke für den Beitrag. vor allem dafür, dass du schreibst, dass das nicht jeden Tag sein muss. ich schreibe seit einigen Jahren Gedanken, Erfahrungen, Fragen zum Gesang auf.
ich habe mir auch mal ein singjournal gekauft, jeden Tag mit Aufgaben, Fragen, Tipps, Anregungen. immerhin am Wochenende durfte man laut Buch „einfach nur singen“. es war schrecklich. jeden Tag etwas entdecken zu müssen, etwas schreiben zu müssen, sich Gedanken machen zu müssen. Ich habe das Buch nach zwei Wochen in die Ecke geworfen. Klar ist es super, sich jeden Tag mit seiner Stimme zu beschäftigen. auch Klavier spielen sollte man jeden Tag. Aber das dann noch in einem Buch festhalten und dokumentieren … einengender geht es nicht.
Gerne schreibe ich aber meine Fragen und Erkenntnisse in ein Buch. und habe auch inzwischen einen eigenen Blog über meine Erfahrungen als Gesangsschülerin.
Das hilft die eigenen Gedanken zu sortieren und vielleicht auch demjenigen, der das liest.
viele Grüße und alles Gute
Anja
Hallo Anja, vielen Dank, dass du deine Erfahrungen mit Sing-Journaling beschreibst. In der Tat engt ein solches vorgefertiges Notizbuch viele Sänger eher ein, als ihnen zu helfen, denn das Leben ganz vieler Menschen dreht sich nicht um Gesang und Musik. Obendrauf kommen dann vielleicht noch Schuldgefühle, weil man so viele Tage nichts geschrieben (oder geübt) hat und viele Seiten leer bleiben. Für einen angehenden Profi oder Profi kann ein vorgefertiges Notizbuch hilfreich sein, aber die gehen mit einer anderen Motivation und Struktur an das Singen heran; bei ihnen richtet sich sehr viel danach. Es freut mich daher zu hören, dass du einen Weg gefunden hast, deine Gedanken und Erfahrungen mit dem Singen festzuhalten. Wenn du nach neuen Anregungen oder Tipps suchst, wirf gern einen Blick in mein Buch. Liebe Grüße, Jessica