Was will ich als Vocal Coach und Kreative bewirken?
Um seine Bestimmung im Leben zu finden, empfehlen die meisten Menschen, sich an die eigene Kindheit zurück zu erinnern. Wer wollte man damals sein? Wovon hat man geträumt? Was wollte man im Leben erreichen? Du kannst dich aber auch einfach fragen, was du bewirken möchtest. Denn deine Bestimmung wählst du selbst.
Ganz ehrlich, ich weiß nicht mehr, wovon ich als Kind geträumt habe oder von welchen Berufen ich fasziniert war. Ich habe Tiere gemocht und die Natur. Trotzdem bin ich nicht Försterin oder Tierärztin geworden.
Musik aber begleitet mich schon lange.
Mein Lebensinhalt: Musik machen!
Musik zu machen hat mich von klein auf begeistert.
Da gab es eine Kassette von mir und meinem Vater, auf der wir gemeinsam singen. Ich war 3.
Da gab es Akkordeonunterricht ab der zweiten Klasse. Inklusive Orchesterfahrten, einem Bass-Akkordeon, das sonst nur die Lehrer spielen durften, und meinem ersten Solo-Gesangsauftritt mit 14, bei dem ich konstant einen Viertelton zu tief gesungen habe.
Da gab es den Unterstufenchor im Gymnasium und die Chöre der Landesschule Pforta, das Schulorchester und eine Band in der Oberstufe. Da gab es eine Akustikgitarre, ein Aufnahmegerät aus DDR-Zeiten, das nur Mono aufzeichnete, und meine ersten und bisher einzigen, erfolgreichen Songwriting-Versuche.
Da gab es Chorwettbewerbe, CD-Aufnahmen in kalten Kirchen, Klavierunterricht, Klassenensembles, die wir reihum dirigiert haben, um den Chorleitungsunterricht zu vertiefen, und SchuPra mit Liedbegleitung und Generalbassspiel.
Musik war mein Leitstern in meiner Kindheit und Jugend.
Ich hatte auch andere Hobbies. Hab Gedichte geschrieben und kleine Geschichten. Hab gelesen, mich von Märchenfilmen verzaubern lassen, eine Zeit lang viel gejoggt sowie Yoga und Pilates gemacht. Hab Fotos gemacht, erst mit der alten Zenit meines Vaters, später auch mit SLR- und DSLR-Kameras.
Aber die Musik war das einzige, das mich gefesselt hat.
Und daraus konnte in meiner Oberstufenzeit nur eines entstehen: Der Wunsch, „irgendwas mit Musik“ zu machen. Sonderlich anspruchsvoll war ich nicht. Hauptsache Musik und Hauptsache irgendwie so weiter, wie in den vorangegangenen 12 Jahren.
Sängerin sein?
Obwohl ich damals schon lange Musik gemacht hatte und viele unterschiedliche Erfahrungen gesammelt habe, fielen meinem 19-Jährigen Ich bei der Berufswahl nur die Berufe Musiklehrer, Musikschullehrer und Musiker ein. Lehrerin zu werden hatte ich zur Seite geschoben, Prädikat „uninteressant“. Ich wollte aktiv Musik machen.
Also wurde es Gesang. Denn das hat mich von allen Instrumenten schon immer am meisten fasziniert. Wie uns in Schwingung versetzte Luft emotional erreichen kann. Singen ist zwar nur angewandte Physik, aber sie macht etwas mit uns und in uns.
Ich hab mich zwei Jahre lang intensiv auf das Gesangsstudium vorbereitet und bin letztlich doch in den Aufnahmeprüfungen gescheitert.
Auf die Frage „Sängerin sein oder nicht?“ habe ich bis heute übrigens keine befriedigende Antwort gefunden.
Fehler 404: Bestimmung auf dieser Festplatte nicht vorhanden.
Nach den verpatzten Aufnahmeprüfungen war ich einige Jahre traumlos.
In der Zwischenzeit habe ich weiter „irgendwas mit Musik“ gemacht, nämlich eine schulische Ausbildung. An der Berufsfachschule für Musik Oberfranken in Kronach durfte ich unter der Anleitung von tollen Lehrkräften meine Faszination für den Gesang weiter erforschen. Dabei kamen so ziemlich alle Facetten des Gesangs zum Tragen: Sologesang klassisch, Chorgesang und Ensemblegesang.
Aber auch, und das fand ich damals überraschend, das Unterrichten!
Bestimmung gefunden: Gesang unterrichten!
Zum ersten Mal in meinem Leben hab ich Gesang unterrichtet und war total geflasht. Ich habe erfahren, dass Gesangsunterricht keine willkürliche Anordung von Gesangsübungen und Aufgaben am Repertoire ist, sondern dass dahinter Struktur steckt. Ich hab die Bausteine erkannt. Und ich habe erkannt, dass ein gewünschtes Ziel (ein Lied singen zu können, eine Technik zu beherrschen, …) kein Zufallsprodukt ist, sondern dass man es durch eine clevere Anordnung dieser Bausteine erreichen kann.
Und ich habe erfahren, wie viel es mir gibt, mein Wissen über meine liebsten Themen Gesang und Musik an andere (und vor allem lernwillige!) Menschen weiterzugeben. Da ging mein Herz wieder auf. Mir war klar: Diese Richtung wollte ich meinem Leben geben.
Das Wörtchen „lernwillig“ ist mir in diesem Zusammenhang wichtig. Ich habe bis zu diesem Zeitpunkt mehrfach mit dem Gedanken an ein Schulmusikstudium gespielt und es immer wieder verworfen. Grund war ein zentrales Erlebnis in meiner Schulzeit. Meine Musiklehrer bis zur achten Klasse haben sich wirklich bemüht, ansprechenden Unterricht zu halten. Ich hab Smetanas Moldau geliebt und die Szenen aus der „Wolfsschlucht“. Der Ausflug ins Geraer Theater zum Fliegenden Holländer ist mir bis heute im Gedächtnis, halb Musik, halb Märchen. Ich hab meine Lehrer gemocht und gleichzeitig taten sie mir leid. Denn sie traten vor unwillige Schüler.
Mental ist mir der Kragen in der siebten Klasse geplatzt, als wir das dritte Jahr in Folge die Dur- und Moll-Tonleiter durchgenommen haben. Es stand nicht auf dem Lehrplan, es war lediglich Vorwissen für das eigentliche Thema Kirchentonleitern. Aber meine Klassenkameraden konnten es noch immer nicht. Also musste meine Musiklehrerin erneut Dur und Moll behandeln. Mir war dabei langweilig, denn ich hatte das Jahre zuvor bereits im Akkordeon- und im Klavierunterricht gelernt und seitdem über den ganzen Quintenzirkel hinweg angewandt. Vor allem aber tat mir meine Lehrerin leid.
Und ich schwor mir, mir niemals Arbeit zu suchen in einem Feld, in dem solcher Frust absehbar ist.
Deshalb bin ich mit Leib und Seele Vocal Coach. Dort arbeite ich mit Menschen, die freiwillig zu mir kommen. Die lernen wollen. Und die sich Mühe geben.
Ich erwarte nicht, dass alle die Gesangsausbildung vom Anfänger zum Profi in Überfliegerzeit bewältigen. Ich möchte nur sehen, dass sie sich bemühen, so wie es ihre Lebenslage zulässt. Dass sie lernen und Spaß dabei haben.
Ich fühle mich übrigens extrem privilegiert. Ich darf meinen Sängern dabei zusehen darf, wie ihr Gehirn auf neue Informationen und Übungen reagiert, was mir ungeheure Freude beschert.
Ich darf dabei sein, wenn ihr Selbstbewusstsein wächst, denn plötzlich können ihre Stimmen Dinge, die sie vollkommen überrascht.
Und ich darf miterleben, wie sie anfangen, für sich selbst, für ihre musikalischen Entscheidungen und die Bedürfnisse ihrer Stimmen einzutreten.
Das sind wunderbare Geschenke.
Aus diesen Gründen ist Vocal Coach zu sein eine Bestimmung in meinem Leben.
Eine weitere Bestimmung? Schreiben!
Neben der Musik begleitet mich das Schreiben seit vielen Jahren. Das hat sich für mich organisch aus dem Lesen entwickelt. Das habe ich gefühlt schon immer und Gedichte waren das Kulturgut meiner Familie.
Meine Eltern und Großeltern haben in Momenten der Krise oder der Überraschung gern mal den Anfang von Schillers „Glocke“ oder Fontanes „John Maynard“, oder das Ende von Goethes „Willkommen und Abschied“, rezitiert. Auch wenn ich nicht immer wusste, was sie mir damit sagen wollten – ich hab einfach den Klang gemocht. Die Bilder, die vor meinem inneren Auge aufstiegen. Den Rhythmus darin (und kann darum bis heute mit freiem Versmaß nicht viel anfangen).
Deshalb hat es mich auch nicht gewundert, dass ich von allein den Weg zu Rilkes „Panther“, Eichendorffs „Mondnacht“ und Goethes „Erlkönig“ gefunden habe. Und später in den klassischen Gesang, der so oft auf Gedichte zurückgreift.
Der Weg vom Lesen zum Schreiben war kurz. An Songtexten hab ich mich versucht, an Gedichten und Haikus, an Kurzgeschichten, an Tagebüchern und Journals, an Blogartikeln ebenso, und ein Buch habe ich geschrieben.
Das Schreiben ist mir dabei zur Leidenschaft geworden.
Ich schreibe beinahe alles, vor allem aber Journals, Haikus und Blogartikel. Dieser Blog ist beinahe 10 Jahre alt.
Und ich habe es mir zum Bestimmung im Leben erklärt, im Schreiben die Wahrheit auszusprechen und die Schönheit des Moments einzufangen. Auch das ist mir ein wichtiger Leitstern.
Gesang zu unterrichten und Schreiben, das sind meine Bestimmungen im Leben. Nicht, weil mir dafür besonderes Talent in die Wiege gelegt wurde (den Mythos vom gottgegebenen Talent unterschreibe ich so gar nicht), sondern weil sie für mich zwei Dinge erfüllen, die mir wichtig sind. Sie sprechen mein Herz und meine Seele an und sie sind Handwerke, die ich freudig gelernt habe und die ich noch weiter lernen möchte.
Werde ich damit etwas hinterlassen? Vielleicht.
Ich hoffe, dass meine Sänger die Freude an ihrer Stimme und ihrem Ausdruck finden und weitertragen. Ein paar Beweise habe ich dafür schon sammeln dürfen. Ich bin also auf einem guten Weg.
Und ich hoffe, dass meine Veröffentlichungen, die Artikel hier auf dem Blog und in Magazinen sowie mein Buch „Das Sing-Journal“, in meinen Lesern positiv wirken. Denn dann leben auch sie weiter.
Und wer weiß, was sich in den nächsten Jahre noch ergibt. Vielleicht kommt noch die ein oder andere Bestimmung dazu. Ein paar Träume und Hobbies hätte ich da noch.
Wie schaut es bei dir aus? Hast du dich schon für deine Bestimmung im Leben entschieden?
Lass uns ins Gespräch kommen, unten in den Kommentaren.

NASA, ESA, and the Hubble Heritage Team (STScI/AURA)-Hubble/Europe Collaboration Acknowledgment: H. Bond (STScI and Penn State University)

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Liebe Jessica,
ich hab deinen Beitrag mit Spannung gelesen. Ich fühle richtig, was für eine passionierte Lehrerin du bist und finde es einfach stark, wie du deinen Weg gegangen bist.
Ich habe mich auch für ein Musikstudium beworben und wurde nicht genommen. Wo du dann den Weg der Musikerin eingeschlagen hast, bin ich Filmeditorin geworden und habe nebenher Musik gemacht und Songs geschrieben.
Das Singen ist einfach wunderbar und ist auch meine Bestimmung.
Du schreibst auch viel Journals und gerade an einem Buch. Was ist das für ein Buch?
Vielen Dank für deine inspirierende Geschichte.
lieben Gruß
Tanja
Hallo Tanja,
vielen Dank für deine lieben Worte. Ja, irgendwie hat sich alles gefügt. Dafür bin ich sehr denkbar!
Wie schön, dass du dir das Musizieren erhalten konntest. Hast du beim Film eher mit den Bildern zu tun, oder (auch) mit dem Sound?
In meinem Buch geht es um Journaling über Gesang, d.h. wie man als Sänger über seine Tätigkeit Gesang schreiben und schreibend reflektieren kann, um sich dadurch klarer darüber zu werden, was man will. Es ist aus meinen persönlichen Erfahrungen entstanden. Zuerst hab ich nur privat gejournalt. Später im Studium habe ich angefangen, mein eigenes Unterrichten zu reflektieren. Das hat dann immer weitere Kreise gezogen. Ich journale seitdem über sehr viele Dinge, die mir im Zusammenhang mit meinem Gesang, aber für mich als Vocal Coach eben auch mit dem Unterrichten und in Fortbildungen begegnen.
Liebe Grüße, Jessica
Danke für diesen spannenden Blogbeitrag, liebe Jessica.
Singen zu lernen, steht noch auf meiner Bucketlist.
Ich kann so gut nachvollziehen, dass du nur mit lernwilligen Menschen arbeiten willst. Alles andere ist sonst wie Perlen vor die Säue werfen … ;-)
Schön, wie sich am Ende alles gefügt hat und das du heute mit deiner Leidenschaft begeistern darfst.
Liebe Grüße
Sandra
Dankeschön für deine lieben Worte, Sandra!
Liebe Grüße, Jessica
P.S. Geh die Bucket Liste an. Es lohnt sich! :)
Liebe Jessica, ein wirklich schöner Artikel!
Ich habe auch jahrelang Gesang unterrichtet (und tue es noch, allerdings bin ich noch einen Schritt weitergegangen und unterrichte nur noch Menschen, die bereit sind, dahinter – sprich in ihre Persönlichkeit – zu schauen). Ich kann mich so gut damit identifizieren, ausschließlich mit lern- und entwicklungswilligen Menschen zu arbeiten.
Deine Journaling-Methode finde ich spannend. Hast du darüber schon einen Blogartikel geschrieben?
Alles Liebe, Generose
Liebe Generose, ich verstehe dich so gut! Es macht einen riesigen Unterschied.
Bisher noch nicht, aber es wird kommen. Bis dahin kannst du auf meinem 2. Instagram-Kanal https://www.instagram.com/sing.journal/ Inspiration zur Sing-Journal-Methode finden.
Liebe Grüße, Jessica