Bericht von der Musikmesse 2017
Die Musikmesse 2017 ist vorbei. Ich habe sie als ambivalent erlebt und frage mich, ob Sänger tatsächlich zur Zielgruppe der Messe gehören.
Mikrofone, das Sänger-Equipment schlechthin
In Sachen Equipment habe ich mich auf die üblichen Verdächtigen gestürzt: Mikrofone.
Gleich vorweg: Ich bin zwiegespalten von der Messe gegangen.
Es war toll, dass ein paar Marken vertreten waren: Blue Mics, beyerdynamic, DPA, Røde, S.E.A., Tascam, Telefunken, Zoom, auf der Parallelmesse ProLight+Sound: Audio-Technica, und noch ein paar unbekanntere, amerikanische Marken. Die Bandbreite der technischen Möglichkeiten war ebenfalls vorhanden und reichte von dynamischen Mikrofonen über Kondesator-Mics für die Livebühne und das Studio bis hin zu den exotischeren Bändchen-Mikros. Eigentlich hätte für jeden etwas dabei sein müssen.
Trotzdem haben mir die Riesen der Mikrofonbranche gefehlt. Namen wie Sennheiser, Shure und Neumann.
Zwiegespalten bin ich auch wegen der fehlenden Möglichkeiten.
Ja, eine Messe ist in erster Linie zum Ausstellen da. Doch hier handelt es sich um die Musikmesse. Die Hersteller stellen aus und die Musiker dürfen die ausgestellten Instrumente ausprobieren. So funktioniert das bei den Gitarren, Drums, Geigen, Klavieren etc.
Nicht für Sänger. Mikrofone sind DAS Standard-Hilfsmittel eines Sängers – auch der Klassischen, wenn sie sich das eingestehen. Warum werden die Mikrofone also nur hübsch in einer Vitrine drapiert? Oder wie bei einem Hersteller, den ich an dieser Stelle nicht nennen möchte, auf einer Bühne auf Mikrofonständern, aber ohne Kabelanschluss? Leute! Das ist so irrwitzig, das ist schon nicht mehr lustig!
Mit Mikrofonen ist es wie mit Sängern – die Magie findet innendrin statt, nicht im Äußeren. Einfach nur ausstellen bringt dem Verbraucher nichts – egal, ob er aktuell über eine Neuanschaffung nachdenkt oder sich nur informieren will.
Ich behaupte nicht, dass eine Messe der ideale Ort ist, um ein Mikro ausführlich zu testen! Aber Interesse wecken und schauen, ob dieses oder jenes Produkt in etwa das erfüllt, was ich mir als Musiker wünsche – dazu ist eine Messe da. Naturgemäß muss man die Instrumente dazu ausprobieren. Das Mikrofon ist das Instrument, von lat. instrumentum „Gerät, Werkzeug“, der Sänger.
Ein Instrumentalist macht auf der Musikmesse auch nichts anderes. Er schaut, ob eine Plastikgeige oder eine halbelektrische Ukulele im neonfarbenen Aliendesign (gab’s dort wirklich, ganz schräg, sag ich dir) überhaupt in Frage kommt für den eigenen Musikgeschmack. Und wenn ja, nimmt er sich Kontaktdaten mit und testet nach der Messe in aller Ruhe weiter.
Es gab einzelne Lichtblicke. Telefunken hatte ein kleines Testrondell aufgebaut, an dem eine Auswahl verschiedener dynamischer und Kondensatormikrofone montiert war. Dort konnte man mit geschlossenen Kopfhörern zumindest einen ersten Eindruck der Produktpalette gewinnen. Eine Mikrofonbar gab es auch bei einem amerikanischen Hersteller, dessen Name ich leider vergessen habe.
Am Stand von S.E.A. gab es ein ganzes Demo Booth, in dem man in relativer Ruhe deren Studio-Mikorofone testen und sich mit den Mitarbeitern austauschen konnte.
Ich weiß, dass ein Stand einen Haufen Geld kostet. Hier eine fixe Idee einer Sängerin, die sich gern das ein oder andere neue Mic kauft: Warum nicht eine größere Testkabine aufstellen, in der Sänger Mikrofone verschiedener Hersteller ausprobieren können? Wenn sich mehrere Marken beteiligen, kann man auch die Standgebühren teilen.
Oder bin ich mit dieser Idee zu sehr 21.-Jahrhundert „lasst uns uns gegenseitig helfen und dem Verbraucher etwas bieten“ eingestellt und zu wenig 19.-Jahrhundert „wir sind alle Konkurrenten“?
Das Aus für digitale Noten, noch bevor es richtig beginnt?
In meinem letzten Artikel hatte ich erzählt, dass ich mich über digitale Noten informieren möchte. Sie sind ein nicht unerheblicher Teil meines Gesangsunterrichts. Die Vorteile aus meiner Sicht kannst du dort ebenfalls nachlesen.
Auf diesem Gebiet hat mich die Musikmesse komplett enttäuscht. Es gab nicht einen direkten Hinweis auf digitale Noten. An keinem Verlagsstand wurde damit geworben.
Erst auf Nachfrage bekam ich zwei Informationen.
Der Schott-Verlag kooperiert mit musici, einem Onlineshop, in dem man sowohl traditionelle Notenhefte als auch digitale Noten kaufen kann.
Der Verlag Hal Leonard kooperiert mit SheetMusicDirect. Ein Mitarbeiter von Hal Leonard erzählte mir, dass das Geschäft mit digitalen Noten nicht so wirklich läuft. Musiker seien Traditionalisten. Sie wollen Noten direkt als Heft oder Buch in Händen halten. Auf die Frage, warum sie nicht trotzdem auf der Messe vertreten sind (schließlich sind Musiker von Hause aus neugierig und durchaus lernbereit), sagte er, das käme irgendwann. Step by step.
Da frage ich mich doch: Worauf warten die Verlage? Dass Musiker sich wieder von Tablets abwenden? Und dann kommen sie um die Ecke gehopst: „Tada, wir haben da was Geniales für euch, das nennt sich digitale Noten“?
Fakt ist, in meinen Tätigkeiten als Sängerin und Gesangslehrerin sind digitale Noten Realität.
Fakt ist aber auch, die Nichtsichtbarkeit digitaler Noten auf der Musikmesse macht mich nachdenklich. Über die Branche. Über Komponisten, Verlage, Notenhändler, die an allen Ecken lauthals schreien, dass man nichts mehr verdient. Über mein eigenes Kaufverhalten. Über meine Einstellung als Lehrerin Noten gegenüber. Über die Frage, wohin geht es?
Erwähnen möchte ich an dieser Stelle, dass immerhin ein Hersteller für Pageturner vor Ort war. Nur leider wurde AirTurn so gut in einer Ecke des Music Sales Standes versteckt, dass selbst ich sie erst am zweiten Tag entdeckt habe.
Printnoten haben Zukunft
Als Gesangslehrerin bin ich ja auch Frau. Und was macht Frau, wenn sie enttäuscht wurde? Richtig. Sie geht shoppen – oder stöbern in meinem Fall. Gefunden habe ich einiges, deshalb hier meine Highlights an Songbooks.
Fangen wir an mit den Künstler-Songsbooks.
In der Hal Leonard Pro Vocal-Reihe gibt es zahlreiche Hefte mit durchschnittlich 8 Songs eines Künstler – zum Beispiel von Adele und Queen. Der Clou: Die Songhefte kommen inklusive Backing Tracks – perfekt für Sänger, die sich selbst nicht am Klavier begleiten können. Mithilfe einer App wie Anytune kannst du die Tracks auch zum Üben benutzen.
Für Fans von Gesamtausgaben gibt es zahlreiche Songbooks von den Beatles. Ein „Beatles Complete“ mit allen 200+ Songs als Leadsheets und ein „Beatles Best“ mit 120 Songs als PVG (Piano, Voice, Guitar) Partitur. Dazu zahlreiche kleinere Songbooks mit thematischem Schwerpunkt – Best Of, Best of Lennon & McCarthy, Best of Beatles Love Songs. Die Beatles scheinen in aller Munde zu sein, zumindest wenn man den Verlagen glaubt.
Auch für Leonard Cohen und Bob Dylan scheint die Zeit der Fast-Komplett-Ausgaben gekommen zu sein. „The Essential Bob Dylan“ und „The Essential Leonard Cohen“ warten mit PVG Partituren und einer Sammlung der bedeutendsten Songs auf.
Für die Fans französischer Chansons gab es am Music Sales Stand einiges zu entdecken, der unter anderem den italienischen Verlag Carisch im Programm führt. Von der großen Edith Piaf gab es zwei Songsbooks, eines von Hildegard Knef und eines von Barbara. Letzteres hätte ich vor wenigen Wochen dringend gebraucht, als ich mit einer Schülerin knobelnd über Noten saß, die eigentlich für Gesang gedacht waren, aber wie Instrumentalnoten daher kamen. Dieses mehrstündige, französische Puzzlespiel hätte mir das Songbook erspart.
Beim Pentatonix-Songbook war ich unschlüssig. Auf der einen Seite finde ich es toll, dass es die Songs endlich auch für Solisten in einer PVG-Ausgabe. Auf der anderen Seite geht dadurch stilistisch wahnsinnig viel verloren. Meine Schüler und ich sind es gewöhnt, dass sich Popsongs im Unterricht ganz anders anhören und anfühlen, als würden wir zu unserem Lieblingskünstler mitsingen. Ein Klavier oder eine Gitarre kann keine ganze Band ersetzen. Die Übertragung aus dem A-Capella-Bereich ist nicht so einfach. Umso mehr hätte ich mich gefreut, ein ergänzendes Songbook für Ensemble zu finden, in dem aufgezeigt wird, wie man von der Soloversion zu einer 2- oder 3-stimmigen Besetzung im Pentatonix-Stil kommt. Und wenn ich den Traum eines Ensemblebands noch weiter spinnen darf: Bemerkungen zum Einsatz von Percussion und Body Percussion als Klavierergänzung oder gar -ersatz wäre toll. Man darf ja träumen, als Gesangslehrer :)
Ebenfalls in der Hal Leonard Pro Vocal-Reihe vertreten sind thematische Songsbooks. Zudem habe ich entdeckt, dass es die Essential Songs-Reihe, von der ich dir die Essential Songs Christmas bereits vorgestellt habe, auch für ganze Jahrzehnte gibt. Für Sänger in Gala- und Themenbands und Gesangslehrer sicherlich eine lohnenswerte Anschaffung.
Kritik an der Musikmesse 2017
An dieser Stelle möchte ich meine Kritikpunkte, die ich in den ersten Abschnitten genannt habe, noch einmal zusammenfassen.
- Es fehlten Ausprobiermöglichkeiten für Sänger.
- Es fehlten eindeutige Signale, dass die Musikmesse auch Sänger ansprechen möchte.
- Es gab so gut wie keine Informationen über digitale Noten – vor allem nicht gut sichtbare.
Fazit
Die Musikmesse 2017 wartete mit einem riesigen Aufgebot auf, von dem ich annahm, jeder Besucher findet seine Ecke. Mein Messebesuch letztes Jahr fiel auch deutlich positiver aus. Vielleicht weil ich in einem einzigen Tag gar nicht alles begreifen konnte? Nach insgesamt 3 Messetagen habe ich dieses Jahr deutlich gemischtere Gefühle.
Einerseits wurde viel geboten. Es waren viele Händler da, der Input an den Ständen war fachlich gut, die Lautstärke in den Hallen war besser als letztes Jahr. Die „Faces Behind The Voices“ Ausstellung war absolut faszinierend.
Anderenrseits hat mich der Mangel an Informationen und Möglichkeiten für Sänger des 21. Jahrhunderts enttäuscht.

Messe Frankfurt Exhibition GmbH









Jessica Pawlitzki, 2015
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Messe Frankfurt Exhibition GmbH
Angelika Schneider-Funk schrieb auf Facebook:
„Top geschrieben. Ich gebe zu, auch mich hat die Messe, trotz das ich das erste Mal dabei war nicht wirklich vom Hocker gehauen. Klar habe ich für mich und meine Branche das ein oder andere mitgenommen, aber so wirklich ein Highlight habe ich vermisst.“
Ich stimme Angelika zu – ein Highlight hat gefehlt.
Hallo Jessica,
vielen Dank für den tollen Artikel. Da ich selbst aus gesundheitlichen Gründen in diesem Jahr nicht auf der Messe war, fand ich deine Ausführungen sehr spannend. Wie du weißt, bin ich Instrumentallehrerin und auch ich meine, dass die Verlage und sonstigen Anbieter den Einstieg in den Bereich der elektronischen Noten zur Zeit verschlafen. Meine jungendlichen Schülern laden sich ihre Noten fast ausschließlich aus dem Internet runter. Sie erarbeiten sogar Stücke nach Noten von ihrem Handy. Scheinbar haben die Verantwortlichen der Notenbranche kaum Kontakte zu den „normalen“, jungen Musikern und Musikschülern.
Hallo Gabriele,
es tut mir leid, dass du krank warst! Baldige Genesung wünsche ich dir!
Ich hoffe wirklich, dass die Anbieter bald aufwachen und den Bedarf besonders unter den Jungen und Junggebliebenen erkennen. Gleichzeitig wünsche ich mir aber, dass auch unsere Kollegen und Mitmusiker diesen Schritt ins Internet wagen. Ich erinnere mich mit Schauer an Kollegen, die lapidar meinten, eine Website bräuchte man nicht. Mit dieser Denkweise stehen digitale Noten natürlich überhaupt nicht auf dem Plan.
Es bleibt uns wohl nur, abzuwarten.
Viele liebe Grüße,
Jessica