Der goldene Faden im Gesang
Singen ist eine sehr persönliche Art, Musik zu machen. Fehler zu machen und zuzulassen, fällt daher besonders schwer. Riskier mit mir einen Blick nach Japan und entdecke, wie der goldene Faden deinen Blickwinkel auf Fehler beim Singen verändert.
Der goldene Faden im Porzellan
Die Japaner lieben Tee. Sie lieben die Teezeremonie und alles, was dazu gehört. Teegeschirr zum Beispiel. Doch die Japaner sind auch Menschen und da geht mal etwas zu Bruch. Statt die zerbrochenen Teeschalen jedoch wegzuwerfen, reparieren sie sie.
Mit Gold.
Eine zerbrochene Teetasse wird mit einem Kleber wieder zusammengefügt, dem Goldpulver beigemischt wurde.
So wird aus dem Geschirr nicht einfach wieder ein Alltagsgegenstand. Nein. Es wird etwas ganz Besonderes. Solche Teeschalen kosten mehrere hundert bis tausend Euro, so hoch geschätzt wird diese kintsugi-Technik. (Mehr dazu findest du hier, hier und hier. Vielen Dank an Fabienne Brill für die Hilfe bei der Suche nach korrekten Quellen!)
Fehler machen dich einzigartig
Warum werfen die Japaner die Scherben nicht einfach weg?
Kein Ding, auch kein Mensch, ist ohne Makel. Das Porzellan wird erst durch den Knacks wertvoll.
Das Gleiche gilt für Sänger.
Ein aalglatter Popschnulzen-Sänger mag dem Ein oder Anderen gefallen. Ich selbst finde solche Entertainer aber nicht spannend. Sie sind so weit weg vom wirklichen Leben. Die polierte Illusion, die sie ihrem Publikum zeigen, ist nicht echt. Ich kann den Mensch dahinter nicht erkennen.
Menschen machen Fehler. Sie haben Ecken und Kanten, die als Makel empfunden werden können.
Noch viel wichtiger als die im Populargesang so viel gepriesene Authentizität ist aber, dass Fehler zum Lernen dazu gehören. Vom ersten bis zum letzten Atemzug lernt der Mensch. Keine zwei Menschen können denselben Fehler begehen und lernen daraus die selben Dinge.
Ein Schüler, der beim Singen keine Fehler macht, lernt nichts Neues. Wir machen sie, weil wir noch nicht wissen, wie etwas funktioniert. Um dich weiter zu entwicklen, musst du sogar Fehler machen.
Wenn deine Stimme Dinge macht, die bisher kein anderer vor dir gemacht hat, kann das ganz schön demotivieren. Aber schau dir mal diesen Clip an:
Ihre Stimme macht einen Effekt, den viele Menschen nur von Autotune kennen. Trotz der Kritik daran und dem Vorwurf, sie würde die Aufnahmen mit Autotune nachbearbeiten, hat sie sich nicht vom Singen abbringen lassen. Sie benutzt den Effekt, den ihre Stimme so leicht produzieren kann. Erst dadurch ist sie einzigartig und interessant geworden.
Das war ein Fehler!?
Warum sind wir Menschen eigentlich so versessen darauf, keine Fehler zu machen? Wer hat uns diesen Floh ins Ohr gesetzt?
Zum einen hat das natürlich evolutionäre Gründe. Ein Kind ist auf einen Versorger angewiesen – in der Urzeit noch stärker als heute. Aber auch im 21. Jahrhundert kann fehlende Sorge sehr schnell lebensbedrohlich werden. Das Kind muss sich also gut stellen mit seinem Versorger, wenn es überleben will. Es versucht, Fehler zu vermeiden, um ihn nicht zu verärgern. Und es kennt die Konsequenzen: Bestrafung.
Diese frühe Prägung setzt sich im Leben fort – als Schüler, der gute Noten nachhause bringen soll; als Mitarbeiter, der nur ja alles richtig machen sollen; als Ehepartner, der den Nachwuchs richtig zu erziehen hat.
Wesentlich später als diese evolutionäre Urprägung kam die Leistungsgesellschaft auf, die ebenfalls dazu beiträgt, dass Menschen Fehler vermeiden wollen. In der industriellen Revolution hat sich die Arbeit radikal verändert – mit Chefs, die plötzlich einen deutlich höheren Rang hatten und nicht mehr mit ihren Mitarbeitern verwandt waren. Fehler waren nicht mehr menschlich und wurden nicht (so leicht) verziehen. Daraus entstand das Bedürfnis, Fehler um jeden Preis zu vermeiden.
Die Managementtrainerin Vera Birkenbihl nennt einen interessanten Ansatz, der zum Nachdenken anregt: Fehler sind nicht schlecht. Du musst dich dafür nicht schämen. Fehler können wir nur machen, wenn wir schon etwas über die Sache wissen. Demnach zeigen Fehler nur, was du bereits weißt und wo es noch Lücken gibt. Nicht mehr, nicht weniger. Statt also Fehler zu verteufeln, müssten wir für Fehler gelobt werden.
Wenn du das vertiefen möchtest, suche auf Youtube nach Frau Birkenbihls Video zum „intelligenten Fehlermanagement“. Leider wird es immer wieder gelöscht, so dass ich ständig mit der Aktualisierung dieses Artikels beschäftigt bin. Das geht mir auf den Keks und hält mich davon ab, neue Artikel für dich zu schreiben. Sei also bitte so gut und suche es dir selbst heraus.
Singen lernen im Gesangsunterricht
Im Gesangsunterricht geht es darum, etwas Neues zu erfahren und dir anzueignen. Ausprobieren ist ein wesentlicher Teil des Singens. Damit lernst du eine ganze Reihe Qualitäten, die du im Leben und in der Musik gut gebrauchen kannst:
- Toleranz
- Akzeptanz
- Experimente
- Geduld
- Durchhaltevermögen
All das lernst du, wenn du Fehler beim Singen machst. Lass mich das an ein paar Beispielen erklären:
- Toleranz: Du lernst, einen Fehler zu ertragen. Du stoppst nicht einfach, sondern singst weiter. Das hilft dir im Flow zu bleiben und bei Auftritten nicht einfach abzubrechen.
- Akzeptanz: Du lernst, dir einen Fehler zu gestatten. Fehler passieren immer wieder, jeden Tag. Je gelassener du mit dieser Tatsache umgehst, desto weniger bringen sie dich auch dem Konzept und desto entspannter singst du. Und wir wissen beide, dass Entspannung der wesentliche Faktor beim Singen ist.
- Experimente: Du lernst, Fehler als Chance zu nutzen. Wie wäre sonst Improvisation möglich?
- Geduld: Du lernst, den Lernprozess hinzunehmen. Berühmte Sänger haben auch nicht an einem Tag singen gelernt. Sie mussten geduldig sein.
- Durchhaltevermögen: Du lernst, nicht gleich beim ersten Fehler alles hinzuschmeißen. Stattdessen versuchst du es erneut, bis es dir gelingt – wie ein Kleinkind, dass erst noch herausfinden muss, wie die Welt funktioniert.
Daraus kannst du ein paar Motivationssätze ableiten:
- Erst singen – dann urteilen.
- Weiter singen – auch wenn etwas schief geht.
- Akzeptiere, wie es heute klingt.
- Sei geduldig mit dir selbst.
- Probier es aus – immer wieder.
- Freu dich an deinem eigenen Klang.
Fazit
Das Prinzip des kintsugi zeigt sehr deutlich, dass Fehler beim Singen nicht das Ende der Welt sind. Genauso wie eine zerbrochene Teeschale mit ein bisschen Liebe und handwerklichem Geschick zu etwas Besserem wird, so wird auch dein Gesang durch Fehler reichhaltiger. Singen ist ein Prozess. Wenn du es schaffst, dem Lernprozess zu vertrauen und ihn zu akzeptieren, wirst du präsenter sein. Und das schafft eine unvergleichliche Ausstrahlung.
Ich möchte diesen Artikel mit einem Zitat schließen, den ich vergangenes Wochenende auf dem 15. Leipziger Symposium für Kinder- und Jugendstimme gehört habe. Dr. Eckard Schiffer sagte:
„Ich sehe dich – ich freu mich.“
Dieser ostfriesische Gruß ist perfekt, um die eigenen Fehler beim Singen freudig zu begrüßen, statt sie zu verteufeln. Dann macht Singen uneingeschränkt Spaß.

Haragayato, https://en.wikipedia.org/wiki/File:Kintugi.jpg, CC BY-SA 4.0
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